Die neun Arten von Singles und was sie von ihrer Stadt brauchen

02.10.2018
Gesellschaft

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Vom ewigen Junggesellen über die allein erziehende Mutter bis hin zu verwitweten SeniorInnen: Die Tendenz der Lebensformen geht während der letzten Jahrzehnte vor allem in eine Richtung: weg von Beziehung und Familie auf Dauer, hin zum Alleine sein. Was bedeutet das für die Gesellschaft und Kommunen? Wir haben Experten befragt. Plus: Lösungsansätze für ein gutes Miteinander in der Stadt!

 

Rund 1,5 Millionen Österreicherinnen und Österreicher leben laut Statistik Austria-Daten alleine. Seit 1986 hat sich die Anzahl der Einpersonen-Haushalte von damals rund 780.000 somit verdoppelt. Markant: Ein Drittel der Personen ab 65 Jahren teilt die Wohnung nur mit sich selbst.

 

Mehr Singles, mehr Bedürfnisse

Tatsache ist, dass es verschiedene Arten von Singles gibt. Die einen leben freiwillig alleine, die anderen nicht.

Der Trend zum Singletum ist ungebrochen: Menschen haben eine längere Lebenserwartung, die meisten Frauen sind berufstätig und damit finanziell weitgehend unabhängig von den Männern.

Auch das persönliche Streben nach Selbstverwirklichung nimmt bei Frauen und Männern einen größeren Stellenwert ein. Das macht es für viele Menschen – vermeintlich – schwieriger, den „passenden“ Partner zu finden. Zugleich und paradoxer Weise scheint die Auswahl an potenziellen PartnerInnen doch unendlich groß.

Die Zahl der Singles wächst auch mit der Zahl der Scheidungen, denn jede zweite Ehe wird heutzutage geschieden. Eine Erhebung der ehemaligen Frauen- und Familienministerin Maria Rauch-Kallat während ihrer Amtszeit ergab, dass an erster Stelle außereheliche Beziehungen, an zweiter egoistisches Freizeitverhalten und an dritter Stelle Alkoholismus für diese Scheidungsraten verantwortlich sind.

Für Städte und Gemeinden bedeutet dieser Wandel der Lebensformen vor allem, dass unterschiedliche Arten von Singles – ob mit oder ohne Kinder – eigene Bedürfnisse haben und spezielle Anforderungen an die Stadtentwicklung stellen.

Und: Dass gerade in Zeiten neuer Familienmodelle wie Patchworkfamilien oder dem Lebensmodell „Single mit Kind“ Städte und Gemeinden aufgefordert sind, noch mehr unterstützende Maßnahmen für Familien zu setzen. Zum einen, um allein Erziehenden den wichtigen Auftrieb zu geben, die sie im Alltag für sich und ihre Kinder brauchen. Zum anderen, um das Lebensmodell Familie durch fördernde Rahmenbedingungen möglichst attraktiv und leicht lebbar zu machen.

 

Neun Arten von Singles und was sie jetzt brauchen

Der Trendforscher Matthias Horx teilt die unterschiedlichen Arten von Singles in neun Gruppen ein:

Fun-Singles

Freizeitorientierte junge Menschen, die mit Partnerschaften experimentieren. Sie sind die Hauptzielgruppe der Werbung.
Das brauchen sie von ihrer Stadt: Fun-Singles erwarten von ihrer Stadt abwechslungsreiche Freizeitangebote, ein attraktives Night-Life und ausreichend Möglichkeiten, andere Menschen in ihrem Alter kennen zu lernen.

 

Nestflüchtlinge

Junge Leute, die mit 20 bis 25 Jahren das Elternhaus verlassen. Ihre Kleinwohnung wird von den Eltern bezahlt.
Das brauchen sie von ihrer Stadt: Diese jungen Menschen brauchen vor allem niveauvolle Bildungseinrichtungen wie Unis oder Fachhochschulen sowie Einrichtungen wie Lokale oder ein Kunst- und Kulturangebot im öffentlichen Raum.

 

Weibliche Panik-Singles

Berufstätige, gebildete Frauen zwischen 30 und 40 Jahren, die zwar einen Partner suchen, wobei ihre Partnersuche jedoch durch hohe Ansprüche erschwert wird.
Das brauchen sie von ihrer Stadt: Menschen kennen lernen hat in dieser Single-Kategorie obere Priorität. Was können Sie als Stadt tun, damit sich Menschen unkomplizierter treffen und kennenlernen können?

 

Männliche Frust-Singles

Schlecht ausgebildete 30- bis 45-Jährige, die von anspruchsvollen Frauen nicht „abgeholt“ werden.
Das brauchen sie von ihrer Stadt: Bei diesen Männern geht es darum, das Selbstbewusstsein zu stärken und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Zum Beispiel in Form von neuen Angeboten, die berufliche Selbstverwirklichung besser möglich machen.

 

Taktische Singles

Allein lebende Menschen, die auch bei einer Partnerschaft nicht zusammenziehen und aus taktischen Gründen eine Rückzugsstätte haben.
Das brauchen sie von ihrer Stadt: Für taktische Singles ist ein passendes Wohnungsangebot an Kleinwohnungen bedeutsam.

 

Teilzeit-Singles

Sie haben eine Bindung mit gemeinsamer Wohnung für einen Teil der Woche, oft mit Kindern, die etwa aus Job-Zwängen einen zweiten Haushalt führen oder zeitweise in Hotels leben.
Das brauchen sie von ihrer Stadt: Auch Teilzeit-Singles brauchen vor allem ein entsprechendes Angebot an Wohnungen, das ihren Bedürfnissen gerecht wird.

 

Arbeits-Singles

Diese Workoholics entscheiden sich sich trotz Partnerschaft dauerhaft für zwei getrennte Arbeitsplätze und zwei Haushalte.
Das brauchen sie von ihrer Stadt: Arbeits-Singles wünschen sich eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr sowie ein attraktives Angebot an Arbeitsplätzen und Wohnungen.

 

Aktive ältere Singles

Menschen im Alter von 55+, die manchmal verwitwet oder geschieden sind. Sie leben allein und sind oft offen für neue Partnerschaften.
Das brauchen sie von ihrer Stadt: Schaffen Sie für die aktiven älteren Singles so viele Gelegenheiten wie möglich, sich untereinander zu vernetzen und kennen zu lernen.

 

Resignierte Alt-Singles

Bewusst allein lebende SeniorInnen, welche die Partnersuche bewusst abgeschlossen haben.
Das brauchen sie von ihrer Stadt: Auch für die resignierten Alt-Singles sind soziale Kontakte wichtiger denn je. Auch, wenn sie keinen Lebenspartner mehr suchen, ist es für sie essenziell, in ein Netzwerk eingebunden zu sein.

 

Mehr Unterstützung für Familien

Janisch veranstaltet mit seinem Verein KIDO unter anderem Abenteuercamps für Kinder und Jugendliche.

Der Wiener Lebens- und Sozialberater Mag. Harald G. Janisch, Obmann der Fachgruppe Personenberatung und Personenbetreuung in der Wirtschaftskammer Wien, Gründer des Vereins KIDO und des Beratungsunternehmens HARISMA, sieht die Entwicklung der Single-Gesellschaft und ihre Folgen kritisch.

„Die Unterstützung durch die Großfamilie fällt in Zeiten der Singlegesellschaft weg. Zudem wissen wir, dass die zerfallenden Familien negative soziale Indikatoren begünstigen. So werden zum Beispiel Magersucht bei Mädchen sowie Angst- und Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen vor allem mit partnerschaftlichen Problemen der Eltern in Zusammenhang gebracht.“ Auch unterschiedliche Arten von Sucht hätten ihren Ursprung fast immer in zerrütteten Familien.

Da Erfolgsmodelle einer bewusst gelebten Partnerschaft oft fehlen, bringt die Single-Generation in weiteren Generationen vor allem erneut Singles hervor. Denn: Kinder lernen vor allem am Modell der Eltern.

Durch die vielen Trennungen werden somit Muster für künftige Beziehungen früh gelegt. Trennung kann freilich in vielen Fällen eine notwendige Lösung sein – doch häufig ist sie weder die letzte noch die beste.

Mag. Haris G. Janisch, Fachgruppe der Personenberater bei der WKW. Foto Weinwurm

Janisch wird darum im kommenden Jahr die politische Forderung stellen, dass künftig jede Familie in Österreich Anspruch auf einen Lebens- und Sozialberater hat, der in schwierigen Lebens- und Krisensituationen professionell unterstützt.

„Die gesellschaftlichen Probleme werden immer komplexer. Sie reichen von Problemen in der Partnerschaft über die Erziehung der Kinder bis hin zu finanziellen Schwierigkeiten, Krankheiten oder Pflegethemen.“

Das Problem an seiner Wurzel zu lösen ist einer der wirkungsvollsten Ansätze. Einer, der sich lohnt: Gelebter Zusammenhalt ist nicht nur in jungen Jahren eine wichtige Ressource – sondern auch später im Alter. Schließlich wird uns das Thema Pflege auch in den zukünftigen Jahrzehnten begleiten. Und die Situation ist eben besser, wenn man als Betroffene(r) im Alter nicht alleine zuhause ist.

 

Betreuungsangebote ausbauen

Margit Picher (ganz vorne) gründete den Verein Patchwork Familienservice in Graz.

Parallel zu beratenden Angeboten, die den Familienzusammenhalt wieder stärken, müssen Städte und Gemeinden weiter auf den Single-Trend reagieren. So zum Beispiel durch den Ausbau hochwertiger Betreuungsangebote für Kinder aller Altersstufen. „Es ist unerlässlich, dass das Kinderbetreuungsangebot an den Bedarf der Wirtschaft angepasst wird„, sagt Margit Picher, Gründerin des Vereins Patchworkfamilienservice in Graz.

Die Ausdehnung der Maximalarbeitszeit zum Beispiel ist ein Grund, zu handeln. Konkret bedeutet das: „Wenn ein Kind bis zu zwölf Stunden pro Tag in eine Betreuungseinrichtung gehen kann, bedeutet das nicht, dass es auch tatsächlich jeden Tag zwölf Stunden dort ist.“

Wer zum Beispiel abends länger arbeiten müsse, solle die Möglichkeit haben, sein Kind später in den Kindergarten zu bringen und es länger dort zu lassen. Flexibilität bei den Öffnungszeiten der Kinderbetreuung ist demnach das Um und Auf.

Und da in Zeiten der Singlegesellschaft vorwiegend Mütter immer mehr die Rolle „des Versorgers“ und der fürsorglichen Mutter in Personalunion einnehmen müssen, ist es an der Tagesordnung, dass gerade Alleinerzieherinnen in den meisten Fällen neben der Betreuung der Kinder auch Vollzeit arbeiten müssen.

Das ist ein kräftezehrendes Unterfangen. Margit Picher sieht hier einen großen Bedarf an Unterstützung und Entlastung – vor allem, wenn diese Frauen in Akutsituationen geraten, wie zum Beispiel im Falle einer Krankheit. „Der Alltag einer Alleinerziehenden ist in den meisten Fällen schon organisatorisch und mental sehr belastend. Auch fehlt es oft an finanziellen Ressourcen.

Gerade im Fall einer Krankheit kann sich eine allein erziehende Mutter oft keine zusätzliche Unterstützung im Haushalt oder bei der Kinderbetreuung leisten. An wen soll sie sich dann wenden?“

 

Singles mit Singles vernetzen

Picher plädiert dafür, zum Beispiel Arbeitslose oder ältere Menschen sowie generell Menschen, die sich einsam fühlen, ins Boot zu holen. „Für viele Menschen ist es einfach nur wichtig, gebraucht zu werden und einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten“, so Picher. „Eine Vernetzung von Angebot und Nachfrage wäre gerade im Bereich Alleinerziehende ein wertvoller Schritt für alle Beteiligten.“

Margit Picher lädt regelmäßig zum Mama-Papa-Brunch für Patchworkfamilien und bietet Coachings für Patchworkfamilien an.

Das Konzept: Eine Person in der Kommune müsste dabei als Drehscheibe fungieren. Da Unterstützung einen Wert hat, sollte es eine Aufwandsentschädigung für jede Hilfeleistung geben.

Außerdem wäre es möglich, ein Bonus-System mit lokalen Betrieben zu etablieren: So könnte zum Beispiel jeder oder jede, die regelmäßig Alltagsunterstützung anbietet, als Zeichen der Wertschätzung und Anerkennung von diversen Vorteilen in den Handelsbetrieben der Stadt profitieren. Diese Betriebe könnten durch ihre Teilnahme an der Initiative wiederum ihr Marketing und ihr Image stärken.

 

Auswirkungen auf den Wohnbau

Wohnprojekt in der Wiener Dittelgasse: Kindergarten und die Station des Samariterbundes für Betreutes Wohnen sind schon integriert.

 

Der Trend zum Alleineleben und zum Alleineleben mit Kindern macht auch vor dem Wohnbau nicht halt. „Wohnungen werden tendenziell kleiner gebaut“, sagt DDI Daniel Glaser von der Wohnforschung Wien. „Der Trend geht auch in die Richtung, in kleine Wohnungen besser ein Zimmer mehr unterzubekommen, als jedes einzelne Zimmer von der Fläche her größer zu bauen.“

Einzelne Projekte werden bereits für generationenübergreifendes Wohnen gebaut, da die klassische Großfamilie nicht mehr existiert und die Rollen einer solchen durch neue Wohnformen anders vergeben werden können.

Das Wohnprojekt in der Wiener Dittelgasse beispielsweise wird von der Gemeinnützigen Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft Siedlungsunion, der WBV-GFW sowie der WBV-GPA errichtet und beherbergt insgesamt 361 Wohneinheiten, betreute Wohneinheiten des Arbeitersamariterbundes und einen siebengruppigen Kindergarten.

Auch Cohousing-Siedlungen können für die allein lebende Gesellschaft ein Weg sein, nicht einsam zu sein und Nachbarschaftshilfe im Alltag zu praktizieren.

 

Stopp der Einsamkeit

Der Golfplatz: Ein beliebter Treffpunkt, um mit Menschen in Kontakt zu kommen.

 

Für die Stadtplanung bedeutet die Singlegesellschaft auch, Infrastrukturen und Angebote zu schaffen, die Alleine leben möglich machen, ohne sich einsam zu fühlen. Gerade für ältere Menschen ist Einsamkeit oft eine große psychische Belastung, die sich auch auf die körperliche Gesundheit niederschlagen kann. Hier ist die Stadt gefordert, gegenzusteuern.

Das Projekt WAALter nützt hier zum Beispiel einen technologieunterstützten Ansatz, um SeniorInnen mittels Internet und sozialer Medien im näheren Umkreis auch im „echten Leben“ miteinander zu unterstützen. Hilfreich können auch ganz einfache Initiativen sein wie zum Beispiel Stammtische oder Kulturveranstaltungen für SeniorInnen. Auch ein gutes Angebot an Freizeiteinrichtungen, die auch für SeniorInnen nutzbar sind helfen, der Einsamkeit im Alter entgegen zu wirken.

 

Fotocredit Titelbild: Shutterstock

 

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