
In zehn Jahren wird über ein Drittel der Österreicher und Österreicherinnen über 60 Jahre alt sein. Der Generationenwandel einer der Treiber von neuen Wohnformen.
Zwei große Trends beeinflussen unsere Bevölkerung unausweichlich: Wir leben immer länger und die Anzahl an älteren Personen übertrifft die der jungen. Wussten Sie, dass im Jahr 2030 die Anzahl der Bevölkerung im Alter von 65 und mehr Jahren in Österreich um 37,3 Prozent ansteigen wird? In 18 Regionen wird die Zahl der über 65-Jährigen sogar auf über die Hälfte anwachsen, so die Prognose der Österreichischen Raumordnungskonferenz. Der durchschnittliche Österreicher wird in 20 Jahren schon 48 Jahre alt sein.
Auch die Ansprüche an den Lebensstandard steigen. So haben die Babyboomers aus den 1970ern ihr Berufsleben bereits hinter sich, und mit ihnen blickt auch die erste weibliche Generation auf ein erfolgreiches Berufsleben zurück. Auch daraus entstehen neue Anforderungen an die Wohnformen. Wir haben uns 5 Wohnformen angeschaut, die Ihre Stadt bzw. Gemeinde schon bald von großem Nutzen sein könnten.
1. Adaptive Habitat & Modulhäuser

Frei lassen sich Modulhäuser gestalten. Für jede Lebensphase gibt es das passende Konzept zum Aus- und Rückbauen. Foto: woodee.de
Der klassische Grundriss für eine vierköpfige Familie hat ausgedient. In Zeiten steigender Singlehaushalte und AlleinerzieherInnen mit Kind(ern) geht nicht mehr darum, Einfamilienhäuser, Reihenhäuser und Wohnblöcke zu planen –sondern darum, das Hauptaugenmerk auf die Konzeption des inneren Grundrisses zu richten.
Die barrierefreien Innenräume von Adaptive Habitats können mittels beweglicher Decken- und Wandelemente sowie mithilfe verschiedener Möblierungsarten und Falttüren unterschiedlich angepasst werden. Was einmal der Arbeitsraum war, wird zum Kinderzimmer umfunktioniert und später zum Schlafzimmer, das direkten Zugang zu WC und Badezimmer bietet.
Diese Wohnformen zur Raumvermehrung werten insbesondere kleine Wohneinheiten auf – und das macht sich im Bereich der Altenwohnungen deutlich bemerkbar. Sogar Fertigteilhaus-Hersteller wie ELK mit dem Hauskonzept Looft, Genböck mit dem Modulhaus Be Free oder Commod Haus haben darauf reagiert: Sie kreierten Hauskonzepte, die mit der Familie mitwachsen und wieder schrumpfen – etwa, wenn die Kinder groß und ausgezogen sind.
Einige Anbieter bauen schon im Vorfeld ganz auf Singlehäuser: Tiny Houses sind bezugsfertig schon ab ca. 30.000 Euro zu haben. Die mitwachsenden Adaptive Habitats profitieren vom flächendeckenden Ausbau des Onlineshoppings führender Supermarktketten, die ein Gegenmittel für das Schleppen schwerer Einkaufstaschen sind.
Vorteile des Adaptive Habitat: Bewohner können praktisch ein Leben lang in ihrer Wohnung bleiben und diese ihren aktuellen Bedürfnissen anpassen. Enorme Kostenersparnis!
2.Cohousing

Gemeinsames Kochen und Essen macht den Alltag im Cohousing-Projekt Gänserndorf lebenswert und einfach. Besonders mit Kindern!
Dieses Wohnkonzept aus Skandinavien hat ihren Ursprung in den 1930er Jahren uns sollte dazu dienen, die Hausarbeit unter mehreren Personen aufzuteilen. Heute ist diese Idee wieder brandaktuell: Aufgrund des großen Betreuungsthemas investiert Skandinavien bereits 80 Prozent seiner Förderungsmittel in Cohousing-Projekte! So kann der nordische Vorreiter bis heute an die 200 solcher Siedlungen vorweisen, während das organisierte Zusammenleben mit etwa fünf “echten” Cohousing-Communities in Österreich noch in den Kinderschuhen steckt.
Doch warum eigentlich? Die Probleme unserer Zeit schreien doch regelrecht nach mehr Gemeinschaft. Bei der Betreuung von Kindern und auch bei der Unterstützung von älteren Menschen bietet Cohousing große Vorteile durch Synergien und gelebte Nachbarschaftshilfe.
Alle BewohnerInnen haben zwar ihre eigene Wohnung – ihren Privatbereich – doch leben sie auch in großzügigen Gemeinschaftsarealen wie z.B. in einer großen Gemeinschaftsküche die Geselligkeit. So wird zum Beispiel in Schwedischen Cohousing-Projekten besonderer Wert auf tägliches, gemeinsames Kochen und Essen gelegt.

Im Projekt “Der Lebensraum” verwalten die BewohnerInnen ihre Siedlung selbst. Fotos (2): Der Lebensraum Gänserndorf
Die beiden Cohousing-Projekte in Stockholm “Färdknäppen” und “Dunderbacken” sind für Menschen in der zweiten Lebenshälfte ab 40 Jahren gedacht. In heimischen Gefielden gibt es solche Vorzeigeprojekte etwa in burgenländischen Zurndorf oder auch in Gänserndorf im Weinviertel.
Das Cohousingprojekt “Der Lebensraum” – das erste seiner Art in Österreich – besticht durch eine große Gemeinschaftsküche, in der sich zu jeder Zeit Kinder von unterschiedlichen Bewohnern gleichzeitig tummeln. Praktische Arbeiten im Alltag organisieren die SiedlerInnen gemeinschaftlich – zum Beispiel das Einkaufen von Lebensmitteln.
Ebenso gibt es drei Carsharing-Autos, die geteilt werden. 30 BewohnerInnen wechseln sich “im Radl” beim Kochen ab: So muss jeder zwar nur einmal im Monat hinter dem Herd stehen, wird aber 29 Mal bekocht!
Im städtischen Raum haben sich die Sargfabrik und die miss Sargfabrik in Wien als Österreichs größtes, selbstverwaltetes Wohn- und Kulturprojekt einen Namen gemacht. Am ehemaligen Fabriksareal wurde bis 1996 ein Neubau errichtet, der Wohnungen und gemeinschaftliche Zusatzeinrichtungen wie Kindergarten, Hallenbad, Veranstaltungssaal, Coworking-Büros und Café beherbergt. Neben Geburtstagsfeiern werden jede Woche alle BewohnerInnen zum Abendessen in der Gemeinschaftsküche zusammengetrommelt.
Vorteile von Cohousing: Cohousing geht auf die Problematik der oft fehlenden bzw. lückenhaften Betreuung von Kindern und älteren Menschen ein. Nachbarschaftshilfe wird hier zur gelebten Philosophie und beugt der Vereinsamung vor. Die Ressourcenplanung bringt wirtschaftliche und ökologische Pluspunkte.
3. Seniorendörfer

Rottenmann: Ein Seniorendorf für verschiedene Bedürfnisse integriert ältere Menschen im Ort. Foto: Nussmüller Architekten ZT GmbH
Nussmüller Architekten ZT GmbH
Während das Dorf selbst viele Jahre lang über kein eigenes Altersheim verfügte, mussten ältere Dorfbewohnern und –Bewohnerinnen, die ihr Leben nicht mehr alleine meistern konnten, Rottenmann in der Obersteiermark verlassen.
So verlor die Ortschaft laufend ihre Bewohner – und das Schlagwort “Altersheim” wurde zum Schreckensgespenst beim Plausch im Dorf. “Was, der Herr Sowieso muss auch schon dorthin?” war der übliche Satz, den Betroffene direkt oder über zwei Ecken zu hören bekamen.
Doch das hatte im Jahr 2010 ein Ende. Da hatte man im beschaulichen Ort nämlich gleich ein ganzes Dorf für Senioren errichtet! Es besteht gleich aus vier Gebäuden und ist im Zentrum des Ortes angesiedelt. „Wir haben ganz bewusst die Formsprache des Ortes weitergeführt“, sagt Architektin Ingeborg Nussmüller vom Architekturbüro Nussmüller, „Damit wurde das Seniorendorf auf ganz natürliche Art in den Ort integriert, damit wird Bewohnern auch die Angst vor dem Leben im Seniorenheim genommen. Aufgrund der zentralen Lage waren alle Zimmer und Wohnungen innerhalb kurzer Zeit belegt. Das war sensationell!”
Das Seniorendorf, das von der Caritas betrieben wird, ist für unterschiedliche Bedürfnisse konzipiert: In einem Haus wird Betreubares Wohnen angeboten. Hier residieren Menschen, denen es gesundheitlich noch gut geht, die aber im Bedarfsfall auf Unterstützung zurückgreifen wollen. Im Abschnitt für Betreutes Wohnen ist die Versorgung standardmäßig verfügbar. In beiden Häusern sind Wohnungen für Singles und Paare untergebracht. Auch Gemeinschaftsräume kommen nicht zu kurz.
Vorteile von Seniorendörfern: Ältere Menschen kommen mit unterschiedlichen Bedürfnissen in der Pflege an einem Ort zusammen. Durch die zentrale Lage im Ort bleiben die Senioren auf natürliche Weise in die Gesellschaft der Stadt bzw. der Gemeinde integriert. Der Status “Bewohner eines Altenheims” verliert dadurch seinen Panikmoment.
4. Kindergruppen in Altersheimen

Viele Senioren wählen bewusst ein Altersheim, in dem es auch Kinder gibt. Foto: Ludwig Schedl
Eine Kindergruppe in einem Altersheim – passt das zusammen? Lässt sich eine Horde lärmender Dreikäsehochs mit dem Bedürfnis älterer Menschen nach Ruhe und Struktur vereinbaren? Ja. Von den 30 Häusern des Kuratoriums der Wiener Pensionisten-Wohnhäuser (KWP) sind bereits sechs mit integrierten Kindergruppen geführt.
An die 350 Kinder – sowohl Kindergartenkinder als auch Hortkinder, die zum Mittagessen kommen – werden hier also gemeinsam mit alten Menschen betreut! Insgesamt sind rund 9.000 ältere Menschen in den Häusern des Kuratoriums untergebracht. “Wenn wir neue Heime bauen, wie zuletzt unser Haus in Wien-Döbling, denken wir immer schon mit, ob wir auch eine Kindergruppe einplanen sollen”, sagt sagt Gabriele Graumann, Chefin des KWP, “Gemeinsame Aktivitäten verbinden”.
Einen besonderen Stellenwert haben Feste, aber auch das Singen und Musizieren – hier finden die Generationen wirklich zusammen!“ Hält man sich vor Augen, dass viele Kinder keine Omas und Opas mehr haben und viele ältere Menschen keine Enkel – zumindest keine, die sie auch Besuchen – kann man sich lebhaft vorstellen, welche Bereicherung das für beide Seiten ist!
Den Start machte im Jahr 2004 das Pensionistenwohnheim Hetzendorf in Wien. Die Nachfrage für die dortige Kindergruppe Purz’lbaum übertraf bereits bei der Eröffnung die Erwartungen. Die Gruppen sind in dem ehemaligen Speisesaal des Seniorenheims untergebracht, Gemeinschaftsräume wie der Turnsaal werden geteilt. Altersgemischt werden hier 14 Kinder ab einem Alter von 18 Monaten betreut.
Vorteile von Kindergruppen in Altersheimen: Generationen übergreifende Modelle lösen Betreuungsprobleme in verschiedenen Altersstufen mit Synergieeffekten bei Räumlichkeiten, Kommunikation, sozialem Lernen und unter Umständen auch im Bereich des Personals. Wirkungsvolles Gegenmittel für die Vereinsamung im Alter!
5. Seniorenresidenzen

Seniorenresidenz Wien Oberlaa: Wohnen wie im Komfort-Hotel.
Seniorenresidenzen wirken auf den ersten Blick wie Komfort-Hotels und sind praktisch „Altersheime auf Hotelniveau“. Als besonders edle Form des betreuten Wohnens bieten die altengerecht ausgestatteten Wohnungen nicht nur besondere Service-, Pflege- und Betreuungsleistungen, sondern auch angenehmen Luxus wie Schwimmbäder, Fitnesscenter, Cafés oder besonders großzügige Gemeinschaftsräume.
Die Seniorenresidenz Wien-Oberlaa ist nur eines von vielen Beispielen die zeigen, wie man die zweite Lebenshälfte mit viel Komfort genießen kann. Hier stehen noble Apartments mit ein bis drei Zimmern auf einer Fläche von 32 bis 89 m2 zur Verfügung. Inkludiert sind Restaurant, Kaffeehaus, Residenztheater, Nahversorger im Haus, ein Hallenbad, Fitnessräume mit Sauna, eine Bibliothek, eigene Kellerabteile, ein Weinkeller, eine Tiefgarage und vieles mehr.
Als besonderes Service gibt es etwa ein Bankservice im Haus, ein Apothekenzustellservice, Friseur, Maniküre und Kosmetik sowie Gymnastik, Physiotherapie und verschiedenste Freizeitangebote.
Vorteile von Seniorenresidenzen: Das gehobene Lebensgefühl in einer Seniorenresidenz hebt das Thema Älter Werden und Altenbetreuung auf ein neues Niveau. Zwar ist diese Form vorrangig für wohlhabende Senioren leistbar, doch kann eine Stadt durch so eine Einrichtung eine weitreichende Reputation erlangen.
Fazit neue Wohnformen
Der Generationenwandel bringt neue Herausforderungen an die Stadtplanung und ihre Wohnformen. Wer jetzt neue Konzepte umsetzt, wird diese bewältigen.






