Die 15-Minuten-Stadt

08.04.2022
Architektur, Gesellschaft

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Es fällt uns selbst kaum mehr auf, aber wir leben ganz und gar in autogerechten Städten. Die Straßen sind breit, die Geh- und Radwege sind schmal und unattraktiv und der meiste Platz in der Stadt ist für das Parken der Autos reserviert. Städte sind durchwegs darauf ausgerichtet, dass die Wege in der Stadt vorrangig mit dem Auto erledigt werden können. Im Gegensatz dazu steht das Konzept der 15-Minuten-Stadt.

 

Aber auch das Büroviertel im Zentrum, Fachmarktzentren am Stadtrand oder der vielzitierte Speckgürtel sind Merkmale der autogerechten Stadt. Das Leben der Stadtbewohner wird auf mehrere Zonen verteilt. Dort wird gearbeitet, woanders gewohnt. Die Einkaufszone ist hier, die Erholungsgebiete sind anderswo.

Das erzeugt viel Verkehr, viel Lärm, hohe Luftverschmutzung, und drängt zugleich andere Verkehrsformen wie Zu-Fuß-Gehen oder Radfahren zurück. Stadtbewohner ohne Auto – Kinder und teils auch ältere Personen zum Beispiel – werden in ihrer Mobilität wesentlich eingeschränkt. Persönliche Begegnungen und soziale Kontakte erodieren. Eine Stadt, die vor allem fürs Auto passt, ist de facto weniger menschlich.

Halten Sie kurz inne! Was hören Sie? Autos?

 

Leben im Viertelstunden-Radius

Dem stellt sich ein Konzept entgegen, das durch die Pandemie zuletzt weltweit befeuert wurde: Die 15-Minuten-Stadt. Kern dieses Konzepts ist, dass Orte, die von den Stadtbewohner regelmäßig genutzt werden, zu Fuß oder per Rad in maximal 15 Minuten erreichbar sein sollen. Heißt: Zur Arbeit, Schule, zum Arzt oder Einkaufen sollte es vom Wohnhaus nie weiter sein als eine Viertelstunde zu Fuß.

Die Idee zur 15-Minuten-Stadt stammt von Carlos Moreno, Professor für komplexe Systeme und intelligente Städte an der Pariser Sorbonne Universität, der in seiner Heimatstadt damit auf großen Anklang stieß. Bis 2024 sollen die französische Hauptstadt bzw. ihre Quartiere weitestgehend als 15-Minuten-Städte funktionieren.

Eine Umsetzung der Stadt der kurzen Wege setzt eine enge Verzahnung von Stadt- und Verkehrsplanung voraus, bei der reine Kosmetik alleine nicht genügt. Es bedeutet einen tiefgreifenden Wandel der planerischen Herangehensweise, weg vom Fokus aufs Auto, hin zum Denken dörflicher Strukturen in den Stadtteilen – mit guter Nutzungsdurchmischung von gewerblichen und privaten Räumen sowie Stadtteilen, die autonome Versorgungszentren für alle Lebensbereiche darstellen.

 

Positive Auswirkungen auf das Stadtleben

Die Folgen dieses Umbaus urbaner Räume zu 15-Minuten-Städten sind weitreichend und hier beispielweise gut aufgedröselt. Dazu zählen u.a.:

  • Das Auto verliert seine Vormachtstellung als Fortbewegungsmittel. Ergo schaffen sich weniger Stadtbewohner ein Auto an. Straßen und Parkplätze können teilweise rückgebaut werden, diese Flächen stehen dann für andere, etwa auch gemeinschaftliche Nutzung zur Verfügung.
  • Wer kein Auto braucht, dem bleibt Geld übrig. Diese frei gewordenen Beträge in den Brieftaschen der Bewohnern kommen zum Teil wiederum den Städten, ihrem Immobilienmarkt, der Gastronomie und dem Handel zugute.
  • 15-Minuten-Städte haben viel weniger Verkehrslärm und bessere Luftgüte. Der CO2-Ausstoß sinkt maßgeblich. Das ist ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz, genauso wie überflüssig gewordene Verkehrsflächen, die man begrünen kann.
  • Mehr unmittelbare Fortbewegung per pedes oder mit dem Fahrrad sowie neu geschaffene Freizeit- und Begegnungszonen fördern persönliche Begegnungen unter den Stadtbewohnern. Nachbarschaften und andere Communitys können erstarken.

 

Die 15-Minuten-Stadt
(c) Robert Ruggiero on Unspalsh

Wer profitiert von der 15-Minuten-Stadt?

Im Grunde alle. Bewohner genauso wie Unternehmer, aufgrund von weniger Autoverkehr, mehr Sicherheit und gesünderen Bedingungen, die die Lebensqualität aller erhöhen. Für bestimmte Gruppen aber ist das Konzept ein besonderer Gewinn. Zum Beispiel:

  • Alle Menschen, die historisch aus der Planung von Städten weitestgehend ausgeschlossen wurden, wie Frauen, Kinder, Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen. Durch den Fokus auf Begehbarkeit und Zugänglichkeit kann man ihre Bedürfnisse in der 15-Minuten-Stadt viel besser bedienen.
  • Kinder etwa können durch die großflächige Verkehrsberuhigung problemlos draußen spielen, finden ihren Freundeskreis in unmittelbarer Nachbarschaft und können ihren Schulweg zu Fuß meistern. Das fördert auch das Gefühl der Selbstwirksamkeit im Gegensatz zum „Elterntaxi“.
  • Neue Ideen für Mobilität können wirtschaftlich besser Fuß fassen. Wo keine oder kaum mehr Autos fahren, nutzen Menschen andere Verkehrsmittel. Zweiradhändler und –mechaniker, E-Scooter-Anbieter, Ruftaxis, Radverleih- oder Rikscha-Dienste, eine ganze Branche kann so neu erblühen.
  • Auch andere Startups wie Lieferdienste aller Art können massiv profitieren. Schon während Corona haben sich ganz neue Formen wie Getränke- oder Lebensmittellieferdienste (etwa: Flaschenpost, Gorillas) in vielen Großstädten weltweit etablieren können. Das Schleppen von Einkäufen wird damit outgesourct, was nicht nur ältere Menschen wesentlich entlastet.
  • Greißler und unabhängige Einzelhändler, die vor allem von Laufkundschaft profitieren, feiern ein Comeback. Retail Healthcare, eine Art ambulante Medizinversorgung, ist ein weiterer Bereich, der in 15-Minuten-Städten große Veränderungen erleben wird.

 

Best Practice Beispiele weltweit

PARIS. Unter dem Namen „ville de quart d’heure“ (15-Minuten-Stadt) will man die französische Hauptstadt in effizientere Stadtteile verwandeln, um die Umweltverschmutzung zu reduzieren und sozial und wirtschaftlich vielfältige Zonen zu schaffen. Bis 2024 sind 650 Kilometer neue Radwege geplant, Bürgermeisterin Anne Hidalgo will in jeder Pariser Straße einen Fahrradweg einrichten, bei gleichzeitiger Umnutzung von 60.000 Autoparkplätzen.

OSLO. Die norwegische Hauptstadt begann 2015 Autos Schritt für Schritt aus dem Zentrum zu verbannen. Der öffentliche Nahverkehr wurde ausgebaut und die Verbreitung von Leihfahrrädern gefördert. 2018 wurde die Fläche von mehr als 700 abgestellten Pkw in Radwege, Grünflächen und Platz für Gehende umgewandelt.

MADRID. Auch hier implementiert man das Konzept der 15-Minuten-Stadt. In Madrids Innenstadt dürfen seit 2018 nur noch Anwohner und Fahrer von Hybrid-, Elektro- und Gasfahrzeugen fahren. Zudem hat man mit dem Parque Madrid Río ein öffentlicher Landschaftspark direkt am Fluss Manzanares geschaffen, der zu den anspruchsvollsten Begrünungsprojekten Europas zählt.

 

Die 15-Minuten-Stadt
(c) Jon Tyson on Unsplash

Noch mehr Beispiele

MELBOURNE. Die australische Hauptstadt startete 2018 ein von der örtlichen Regierung konzipiertes 20-Minuten-Nachbarschaftsprogramm mit dem Ziel, in den weitläufigen Wohnvierteln sowohl temporäre Aktivierungen als auch langfristige Transformationen im Sinne kurzer Wege, besserer Versorgung und guter Nachbarschaften umzusetzen.

BARCELONA. Seit 2016 wird hier das Standentwicklungskonzept der „Superblocks“ umgesetzt. Dabei werden bis zu neun Häuserblocks zusammengefasst, innerhalb derer Fußgänger und Radfahrer Vorrang haben. Zweispurige Auto-Straßen reduziert man auf eine Spur und nutzt sie als Kinderspielzonen oder Begegnungsräumen für Anwohner. So werden die Straßen zum erweiterten Wohnzimmer. Befürchtete Geschäftsschließungen sind in den bisher gestalteten Superblocks ausgeblieben, die Anzahl der lokalen Läden stieg sogar um 30 Prozent.

SEOUL. Weniger Verkehr und besseres Klima erlangte man in Seoul durch den Abriss einer Stadtautobahn über einen Fluss und seine Renaturierung. Die Intervention zeigt messbare Effekte auf die Umwelt. Lärmbelastung und Feinstaubwerte sind gesunken, genauso wie die Durchschnittstemperatur, die 2016 um 3,6 Grad unter der Temperatur in den umliegenden Wohnvierteln lag. Der Fluss kann nun seine Kühlfunktion im Stadtviertel wieder voll ausüben.

 

Weitere Konzepte: 1- und 5-Minuten-Stadt

Das Prinzip der dezentralen Grätzln lässt sich auch auf kleinräumigere urbane Räume umlegen. In Stockholm etwa wird derzeit das Konzept der Minutenstadt erprobt, bei dem durch die Einbindung der Anwohner hyperlokale, jeweils auf einen Straßenzug ausgerichtete Städte geschaffen werden sollen. Die Menschen können den Raum vor ihrer Haustür kreativ gestalten und schaffen so Ausgleichsorte im öffentlichen Raum.

In Stuttgart etwa wird die Vision einer 5-Minuten-Stadt diskutiert, wo soziale Begegnungsräume wie Kita, Pflegewohnungen für Alte, Jugendtreffpunkte und Nachbarschafts-Cafes immer gleich um die Ecke zu finden sein sollen.

 

(c) Matt Seymour on Unsplash

15-Minuten-Städte: Ansätze in Österreich

Die Stadtplanung von Wien bis 2030 küsst die „Stadt der kurzen Wege“ wieder wach. Die Nutzung von Erdgeschoßzonen wird gefördert und das Angebot an Nahversorgern wird verdichtet. Durch eine Reduktion der Parkflächen bei gleichzeitiger Förderung der Öffis attraktiviert man die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum.

Fußgänger können sich so freier und sicherer im öffentlichen Raum bewegen. Der Komfort für kurze Wege (barrierefrei, Beschattung, witterungssicher, kein ruhender Verkehr, Arkaden) soll erhöht und die Durchgängigkeit der Stadtstrukturen gesichert werden.

In Salzburg wurde im Herbst 2021 der neue Masterplan Gehen vorgestellt. Die Stadt möchte so diese natürlichste Form der Fortbewegung aktiv fördern, um einerseits das Straßennetz zu entlasten, den KFZ-Verkehr zu verringern und die innerstädtische Lebens- und Aufenthaltsqualität zu steigern.

Dazu hat man sieben Handlungsfelder definiert, in denen man konkrete Maßnahmen setzt, u.a. fußverkehrfreundliche Quartiersentwicklung, neue Begegnungszonen, die Schaffung von mehr und breiteren Fußwegen, schnellere Fußgängerampeln etc. Zehn konkrete Leitprojekte in der Salzburger Innenstadt sollen bis 2025 umgesetzt werden.

 

Ziele der 15-Minuten-Stadt

Die Ziele der 15-Minuten-Stadt decken sich weitgehend auch mit denen des Vereins fairkehr. Dieser setzt sich für eine menschengerechtere Gestaltung des öffentlichen Raums ein. Das Ziel ist weniger Autoverkehr in Stadt- und Wohngegenden um damit den Menschen zu Fuß klaren Vorrang zu gewähren.

Der Zugewinn an Ruhe, sozialen Kontakten, regionaler Wirtschaft, intakter Umwelt und kurzen Wegen wird damit zum gesamtgesellschaftlicher Nutzen.

Ein massiver Ausbau der Öffi-Verbindungen in den Zentralraum Linz ist dagegen in Oberösterreich auf Schiene. 500 Millionen fließen in die „Regional-Stadtbahn“ als überregionale Anbindungslinie, die Regionen und Landeshauptstadt verbindet, während die innerstädtische O-Buslinie optimale Umstiegs-Situationen zu weiteren Knotenpunkten gewährleistet.

Den vielen ohnehin dörflich strukturierten Kleinstädten Österreichs kommt im Sinne der 15-Minuten-Stadt wohl auch der ÖBB-Rahmenplan 2022-2027 zugute, der einen massiven Ausbau des Schienennetzes um rund 20 Mrd. Euro vorsieht.

Anstrengungen zur Stärkung des Öffentlichen Verkehrs im ländlichen Raum gibt es zudem fast flächendeckend in den Gemeinden, von engerer Taktung der Busverbindungen bis hin zu geförderten Ruf-Taxis. Langsam scheint die Dringlichkeit der Mobilitätswende zu sickern.

 

Die 15-Minuten-Stadt
(c) Pexels Daria Shevtsova

 

Fazit

Spätestens mit der Pandemie wurde klar: Die Zeit, in der sich Städteplanung vorrangig an der Auto-Mobilität orientierte, läuft ab. Die Stadt beginnt vor der Haustür und die Bewohner haben heute andere Ansprüche an sie.

Viele hinterfragen nach langen Homeoffice-Phasen die räumliche Trennung von Arbeit und Wohnen, sie wertschätzen schließlich die räumliche Nähe von Bildungs- und Versorgungsinfrastruktur und erkennen die Bedeutung von nahen Erholungsräumen, sicheren Begegnungsräumen und guter Luft.

Eine Antwort darauf gibt das Konzept der 15-Minuten-Stadt, das wir in diesem Text erläutern. Etliche Metropolen weltweit implementieren bereits die dahinter liegende Idee, Stadtteile mit dörflichen Qualitäten zu schaffen. Auch in österreichischen Städten gibt es dazu bereits Projekte.

Ein Tipp zum Schluss: Umfassende weiterführende Infos zum Thema Mobilität und Verkehr in Städten finden sich hier und hier.

Titelbild (c) Eugene Zhyvchik on Unsplash

 

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