Wird St. Pölten Europäische Kulturhauptstadt 2024?

03.04.2019
Kultur

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Diese Frage polarisiert und wird österreichweit diskutiert. Ein Dutzend Stadtmarketing- und Stadtentwicklungs-Experten traf sich letzten Dienstag im Landestheater St. Pölten zu einem Praxistag, um den Plänen rund um die Einreichung St. Pöltens zur Europäischen Kulturhauptstadt 2024 zu lauschen.

 

 

St. Pölten als Europäische Kulturhauptstadt Europas? Die Stadt, die nicht mal in Wetterberichten vorkommt? Die mit dem Imageproblem? „Kein Ort ist so oft beleidigt worden, wie St. Pölten“ sagt der Geschäftsführer der Marketing GmbH DI (FH) Matthias Weiländer leicht zerknirscht.

„St. Pölten war auf keiner Tafel zu lesen, wenn man durch Österreich gefahren ist. Aber jetzt…“, und schon leuchten seine Augen“…geht es 180 Grad in die andere Richtung. Es wird renoviert und modernisiert. Es werden Leitungen getauscht, viele Immobilien werden generalüberholt. Gerade werden 2.000 Wohnungen gebaut.“

Er klingt stolz, als er sagt: „Wir haben 60.000 Einwohner inklusive Nebenwohnsitzen. Wir beschäftigen 60.000 Menschen. Die Kombination von Raumressourcen, Platzressourcen und Arbeitsplätzen macht St. Pölten zum Zukunftsraum.“

 

Mag. Michael Duscher, operativer Geschäftsführer der NÖ Kulturlandeshauptstadt St. Pölten GmbH, der den Einreichprozess 2024 leitet, ergänzt: „Ein Slogan von St. Pölten könnte heißen: ‚Die bei weitem unterschätzte Landeshauptstadt Österreichs.‘ Dabei hat die Stadt und ihr Umland ein riesiges Entwicklungspotential. Das wird in unserer Einreichung sichtbar.“

Weiländer ist überzeugt, dass die Kultur-Aktivitäten einer Stadt essentiell für die Stadtentwicklung sind. Als Kulturhauptstadt 2024 werde St. Pölten in jeder Hinsicht profitieren. Von ‚Mitten im Aufbruch‘ zu ‚Mitten in Europa‘.

 

Was hat St. Pölten denn nun zu bieten?

Auf diese Frage erhält man viele Antworten: „Austria’s Fittest City“ (u.a. Ironman, Spartan Race), „Barockstadt“, „Bildungsstadt“, „Veranstaltungsstadt“ und „Musik-Hub“ (u.a. Frequency Festival, Barockfestival, Jazzfestival, Musica Sacra).

Als Tourismusdestination gehört St. Pölten zum Mostviertel. Die Stadt ist weniger als städtetouristisches ‚must-see‘, sondern als Stadt zwischen dem milden, fruchtbaren Land im Norden und der wild-romantischen alpinen Bergwelt im Süden bekannt. Was als ‚idealer Ausgangspunkt für Ausflüge‘ benannt wird, bildet einen zentralen Fokus im Bewerbungskonzept.

„Es geht um die Verbindung von St. Pölten mit seinem regionalen Umfeld, wie Krems, Schallaburg, Grafenegg oder Lilienfeld. Wir glauben, dass alle in der Region profitieren werden, weil viele kulturelle Gemeinsamkeiten vorhanden sind“, erklärt Duscher und ist überzeugt, dass „ein sehr wichtiger Aspekt in der Bewerbung ist, St. Pölten und die Kulturinstitutionen hier als Zentrum einer ‚Kulturhauptstadt-Region‘ zu positionieren.“

Bisher sei St. Pölten weder als das emotionale noch als das kulturelle Zentrum Niederösterreichs wahrgenommen worden. Das wolle man ändern. „Wir haben beispielsweise die Europäischen Literaturtage, die in Krems und Spitz stattfinden. Hier streben wir eine Kooperation an. Eine weitere Idee ist es, mit Cinema Paradiso in der Region die Idee des alten Wanderkinos als nomadisches Projekt wieder aufleben zu lassen“, kündigt Duscher an.

 

3 Städte (Regionen) im Wettbewerb

In Österreich bewerben sich für 2024 Bad Ischl, Dornbirn und St. Pölten um den Titel. Alle 3 Städte (Regionen) haben es auf die Shortlist geschafft und damit die EU-Kriterien erfüllt, die eine Kulturhauptstadt braucht.

Dazu gehören die Aspekte Langfristigkeit, ein eigenes Kunst- und Kulturprogramm, die Einbeziehung der Bevölkerung, ‚the capacity to deliver‘, d.h. die Fähigkeit, die Aktivitäten und Maßnahmen umzusetzen, Management, Organisation, Budget & Finanzen und die ‚europäische Dimension‘.

 

 

Die Entwicklung dieser Kulturhauptstadt-Region im Bewerbungskonzept St Pöltens soll sich aus einer inhaltlich-programmatischen, einer kulturtouristischen und einer strategischen sowie organisatorischen Einbindung ergeben.

Ersteres entsteht aus dem künstlerischen Programm, das sich aus Eigenproduktionen, Ko-Produktionen und externen Produktionen zusammensetzt. Zweiteres aus einer Markenstrategie, bei der die Entwicklung der Marke St. Pölten und die Kulturhauptstadt-Region im Fokus steht und die Identität und Positionierung der Marke erfahrbar macht.

Letzteres fußt auf einer Langzeitstrategie. Diese sieht eine Einbindung in die Kulturstrategie St. Pölten 2030, in die Tourismusstrategie des Landes Niederösterreich, in die Kulturstrategie Niederösterreichs und Schaffung einer Organisationsstruktur vor.

Michael Duscher stellt die Vision der Kulturhauptstadt St. Pölten 2024 vor: „St. Pölten will Role Model einer lebenswerten europäischen Mittelstadt der Zukunft – mit oder ohne Titel ‚Kulturhauptstadt Europas 2024‘.“

 

Wer ist einzubeziehen? Wie muss ein Prozess gestaltet werden?

Ziel war es, eine Leitkonzeption des öffentlichen Raumes als Gesamtbild zu erarbeiten. Das beinhaltet eine konsensfähige Perspektive, die öffentliche Räume qualifiziert. Dies bedarf eines Zuganges, der so viele Menschen wie möglich ins Boot holt. In einer Bewerbung zur Kulturhauptstadt liegt die Chance, viele Leute ins Gespräch zu bringen.

Es bilden sich neue Partnerschaften, Allianzen, Kooperationen und diese ‚parteiübergreifende‘ Dynamik ist in allen Perspektiven sichtbar.

 

Copyright Raumposition.at

 

Ein Themenfeld ist das Weiterdenken des öffentlichen Raumes, der jeden zum Mitreden einlädt. Wo nicht nur die Stadt gefordert ist „macht uns den Platz schön“, sondern wo die Bevölkerung aufgerufen ist, mitzugestalten.

 

Möglichst viele ins Boot zu holen – das war das Ziel.

„Partizipation ist das um und auf dieses Projektes gewesen. Mit und nicht für – das war wesentlich für alle bisher durchgeführten Prozesse in St. Pölten. In der gegenständlichen Leitkonzeption zum öffentlichen Raum gilt es nun zum Beispiel den Kulturbezirk neu zu beleben und weiter zu entwickeln. Wir überlegen, warum dieser nicht als Kulturbezirk wahrgenommen und frequentiert wird“, erklärt Dipl.-Ing. Daniela Allmeier vom Büro Raumposition für Stadt- und Regionalplanung. „Wenn man nicht ortskundig ist, dann findet man den Kulturbezirk einfach nicht.

Wir (Raumposition.at) schauen uns Verbindungsstraßen an. St. Pölten braucht mehr als ein Leitsystem. Das können temporäre Bespielungen und Kunst im öffentlichen Raum sein. Dazu braucht es eine Positionierung des Kulturbezirks, die aussagt: Wer sind wir, welche Identität haben wir?“

Ja, der öffentliche Raum muss viel können. Er muss der Wirtschaft dienlich sein. Er muss den Bewohnern als Verweilort, als Aufenthaltsort zur Verfügung stehen. Es geht auch ums Wohnen, um Fragen der Kultur, der Aneignung, des Sichtbar-Werdens und des Demokratieverständnisses.

Allmeier: „Wie leiten wir die Anforderungen und Zielsetzungen aus den Rückmeldungen der BürgerInnen ab? Die Stadt will sich neu erfinden. In all dem liegt die Kraft des Selbstfindungsprozesses und der Mut, mitten im Aufbruch zu sein. Und das spürt die Bevölkerung.“

 

Wir werden ein Kinderkunstlabor bauen

„Wir haben in den Befragungen herausgefunden, dass ein Kompetenzzentrum für Kinderkultur fehlt. Es fehlt ein Ort der Begegnung für Familien und Kinder, von 0-6 und 6-12 Jahren. Die Begründung dafür ist, dass es in frühen Jahren eine Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur braucht.

Es sind diese kulturellen Erweckungserlebnisse, die viele junge Menschen prägen und in frühen Jahren dazu bringen, sich im Erwachsenenalter mit Kunst und Kultur auseinanderzusetzen.“ erklärt Duscher. „Daher stellen wir die Vermittlung von Kunst und kulturellen Kompetenzen an Kinder ins Zentrum unserer Maßnahmen.“

 

„Wo war Ihre erste Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur? Woran erinnern Sie sich?“ fragt er. Die Teilnehmer werden still und flüstern: „In der Kirche, in der Musikschule“. Es wird also Kultur- und Kunstgenre-übergreifende Veranstaltungen und Bildungseinrichtungen geben, die vor allem Kinder und Jugendliche zur kreativen Exposition einladen.

Die Ausrichtung wird interdisziplinärer sein, mit einem Fokus auf die bildende Kunst liegen.

–> Referenzblog: Kreativprojekte für die Kleinsten fördern den Erfindergeist

 

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Warum sollte St. Pölten 2024 Europäische Kulturhauptstadt werden?

Duscher: „St. Pölten sollte Kulturhauptstadt werden, weil die Stadt sehr vieles hat, was eine Stadt dieser Größe in Europa zeigen kann. St. Pölten hat beispielsweise viele kulturelle Einrichtungen, hat Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln, befindet sich mitten im Aufbruch. Die Bevölkerung ist folglich unglaublich motiviert, steht hinter diesem Projekt und will St. Pölten gemeinsam weiterentwickeln.“

 

Wenn ich 2024 St. Pölten als Europäische Kulturhauptstadt besuche, was nehme ich mit heim?

Duscher: „Eine Unzahl an Erfahrungen aus Kunst und Kultur, die Sie in dieser Region auf keinen Fall erwartet hätten. Es wird vieles geben, das berührt, überrascht und das so gut ist, dass man es in die Heimat mitnehmen will.“

 

Die Kulturhauptstädte Europas wurden bereits bis 2022 benannt

2019 tragen den Titel die bulgarische Stadt Plovdiv und die süditalienische Stadt Matera. Nächstes Jahr folgen Rijeka (Kroatien) und Galway (Irland). 2021 folgen dann gleich 3 Städte, nämlich Timișoara (Rumänien), Elefsina (Griechenland) und Novi Sad (Serbien, Kandidatenland). Und im Jahr darauf holen sich Kaunas (Litauen) und Esch (Luxemburg) den Titel.

In Ungarn läuft der Wettbewerb für 2023. 2024 werden Estland und Österreich die „Kulturhauptstadt Europas 2024“ stellen. Ob die Massen 2024 nach Bad Ischl, Dornbirn oder St Pölten strömen werden, ist noch ungewiss. Dass eine dieser 3 Städte vom Titel Europäische Kulturhauptstadt 2024 profitieren wird, ist fix.

 

Exkurs:

Zur Professionalisierung der Kulturarbeit am Beispiel der NÖ-Holding befragt, sagt Michael Duscher:

Wie kann man die Qualität von Festivals über einen Intendantenwechsel hinaus gewährleisten?

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Daniela Krautsack

Ausgebildete Media-Strategin und Media-Managerin, Trendforscherin

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