Die offene Stadt – Ein Aufruf zum Handeln

20.11.2018
Architektur

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Anfang November fand sich die Wiener Architekten-Stadtplaner-Urbanisten-Szene im Wien Museum ein, um dem weltbekannten US-Soziologen Richard Sennett zuzuhören.

Sennett war nach Wien gekommen, um bei der Buch Wien und im Wien Museum sein neues Buch vorzustellen. „Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens“ ist ein Buch, das Fragen nach der Beziehung zwischen urbanem Planen und konkretem Leben sucht.

 

Er zeigt darin, warum wir eine Urbanistik brauchen, die eine enge Zusammenarbeit von Planern und Bewohnern voraussetzt. Eine Stadt voller Widersprüche engt nicht ein, sagt Sennett. Sie bereichert das urbane ‚Er’leben.

 

Nach Sennetts Vortrag im Wien Museum tönt es durch die Reihen der anwesenden Architekten, Städteentwickler und Wissenschaftler: „Es ist ein Buch, das man jedem halbwegs an den Welt- und Zeitläufen interessierten Bürger nahelegen muss.“

Wir hören aber auch Aussagen von Rezensenten des Buches, wie Gerhard Matzig von der Süddeutschen Zeitung, der provokant sagt: „Wozu ein Buch gut sein soll, das seine ganze Erkenntnis bereits im Titel trägt, erschließt sich mir nicht“.

Und Michael Mönninger von der Frankfurter Allgemeine Zeitung, der spottet: „Statt handfesten Analysen zur Ökonomie von Megacitys, werde ich nur von Feuilleton-Impressionen des Autors genervt“.

 

Es mag kein großes bewegendes Fazit und keine erhellenden Essays dieses Buches geben, dafür aber Denkanstöße und Aufforderungen für jene, die sich aktiv an der Entwicklung der Stadt in unserer bewegten Zeit beteiligen.

Es sei ein Aufruf für die ‚Makers‘ dieser Zeit und stark beeinflusst von den Quito Papers. Diese sollen Architekten, Stadtplanern und politischen Entscheidungsträgern als Aufruf zum Handeln dienen, um unsere Herangehensweise an die Stadt zu überdenken und neu zu gestalten.

 

Die Essenz der Quito-Papers

Eine Gruppe führender Wissenschaftler und Praktiker hat sich zusammengetan, um im 21. Jahrhundert ein neues Manifest für Stadtplanung zu entwerfen. Richard Sennett, Saskia Sassen und Ricky Burdett fassten folgende Punkte in den Quito Papers zusammen:

 

1. Die Stadt des 21. Jahrhunderts muss offen sein

Sennett schlägt vor, dass sich Designer und Planer auf bestimmte Schlüsselthemen konzentrieren, um ihre Arbeit ‚offener‘ zu gestalten. Erstens: Porosität. Konzentration auf die Ränder von Städten und Gemeinden und nicht nur auf das Zentrum.

Zweitens: Synchronizität. Kombination von Funktionen und Aktivitäten, wie in Mumbai, wo Gesundheitszentren und Kindertagesstätten unmittelbar an die öffentlichen Lebensmittelmärkte angrenzen.

2. Design in Städten ist wichtig

Neben der Überprüfung der Planungsansätze für die Stadt des 21. Jahrhunderts spielt die Gestaltungsqualität der Metropole eine entscheidende Rolle. Von der Breite der Straßen bis zu hohen Gebäuden und der Tiefe des Schattens, den sie auf die Umgebung werfen. Als Beispiel nennt Burdett den Copenhagener Masterplan von 1948 (Finger Plan).

 

 

3. Gebt den Leuten die Stadt zurück

Sowohl städtische Beamte als auch Stadtplaner und Architekten haben die Aufgabe, auf eine Weise zu planen, die die Lebensqualität aller in der Stadt lebenden Menschen berücksichtigt.

Ob man in einer Millionenstadt wie Shanghai oder in einer kleinen Stadt wie Wels lebt, wir brauchen Strategien und Konzepte, wie es Bewohner mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen schaffen können, friedlich zusammenleben.

Video: https://www.youtube.com/watch?v=B4sJzJxXmNw

 

Kreativität des Handeln

Schnelles Wachstum vom Typ Shanghais, das Zurückweichen vor Menschen, die anders sind, und die verdummende Wirkung falsch eingesetzter Technologien könne zu einer Verarmung der menschlichen Erfahrung führen, konstatiert Sennett.

Er sieht sich als Botschafter der „Kreativität des Handelns“. Als Bürgerin und Bürger einer Stadt sei man in seinen Meinungen und Handlungen nicht durch seine Vergangenheit oder soziale Situation ‚verdammt‘. Jeder habe die Chance, sich auf neue Möglichkeiten einzulassen.

 

Sennett schreibt: „Eine Stadt (oder ein Stadtviertel) zu bauen, in der ein Raum für Gleichheit und Geselligkeit geschaffen wird, birgt die Gefahr der Monokultur. Wie in der Landwirtschaft, wo Monokulturen den Boden erschöpfen und für Krankheiten anfällig sind, muss sich die Logik der biologischen Vielfalt – die viel Widerstandskraft besitzt – auch auf die städtische Umwelt ausweiten.

Schließlich fehle allen großen Stadtplanern ein entscheidendes Element in ihrer Arbeit: die Reflexion über das spezielle ‚Material’, aus dem die Stadt besteht: die Massen. Denn diese setzen das moralische Urteil außer Kraft, überlasten die Sinne, erzeugen Angst.

 

Citizen Jane

Immer wieder findet Sennett eine Referenz zum Denken und Schaffen Jane Jacobs. Im Dokumentarfilm ‘Citizen Jane’ heißt es über Jacobs: Sie glaubte fest daran, dass sich das Leben in der Stadt nicht um die Gebäude, sondern um die Menschen dreht.

“Cities have the capability of providing something for everybody, only because, and only when, they are created by everybody.” – Jane Jacobs

 

Created by everybody?

Zumindest müsse man eine ethische Verbindung zwischen Stadtplanern und Stadtbewohnern erwarten können, die darin besteht, sich in Bescheidenheit zu üben. Man lebt als einer unter vielen in einer Welt, in der man sich nicht selbst gespiegelt sieht, meint Sennett.

Daher sollte man die Komplexität und die ‚Vielfalt der Bedeutungen’ über den eng gefassten Begriff der Stadt stellen. Das ist die ‚Ethik einer offenen Stadt’, schlussfolgert Sennett.

Der Soziologe warnt vor Rassen- und Klassensilos, für die geschlossene und bewachte Wohnanlagen stehen. Diese würden Gleichgültigkeit produzieren. Ein Laster für jeden Ort, das die Vielfalt einer Gesellschaft torpediert.

 

Was unterscheidet die Stadt vom Land: Nachbarschaftliche Verhältnisse ohne Intimität

Sennett empfand Jacobs Einstellung, die nicht wie andere Stadttheoretiker das ‚wärmende WIR’ in Städten predigte, als lehrreich. Nach dem Spruch ‚Stadtluft macht frei’ sind Städte laut Jacobs tolerante Orte, in denen zwischenmenschliche Distanz gewahrt werden konnte, ohne sich genauer kennenzulernen.

 

Jane Jacobs plauderte mit Richard Sennett, unbeirrt von einem Betrunkenen, der zwischen ihnen am Tresen eingeschlafen war. Warum sie keine Hilfe geholt habe? Der Mann sei schließlich nicht tot gewesen und habe das gleiche Recht wie jeder andere, in der Bar zu sein, erklärte Jacobs die Situation.

 

Die offene Stadt würde auch Jacobs Logik der heutigen Innovationszentren und Start-Up Communities widerspiegeln. Man bringe eine große Anzahl an Konkurrenten zusammen, dann werden sie in Konkurrenz zueinander treten, sich wechselseitig anfeuern und florieren.

 

Beispiel für das Konzept der offenen Stadt: Nehru Place

 

Sennett erzählt vom Nehru Place in Delhi (Indien). Dort, wo auf der einen Seite gestohlene Waren verhökert werden, tauchen immer wieder neue Händler auf und verschwinden wieder. Auf der anderen Seite des Platzes hat sich eine Start-Up Community aus dem IT-Bereich formiert und auch hier werden die Büros der Start-Ups alle paar Monate bezogen und wieder verlassen.

Ein Miteinander an unterschiedlichen Geschäftskulturen, das die Stadt toleriert. Trotz der Dichte und dem gelernten Miteinander, herrscht reduzierte Harmonie. Ein Händler meint zu Sennett: „Intimität ist hier eine Gefahr. Ich will mein Zeug verkaufen und keine Freunde finden.“

 

Ein Ort des Tuns, nicht des Seins

Die offene Stadt, so wie sie Sennett beschreibt, ist also eher ein Ort des Tuns als des Seins, denn Mitgefühl für Andere weckt sie nicht. Das bleibt, so scheint es, den kleineren Gemeinschaften in Dörfern und Kleinstädten überlassen.

Er zitiert Kant, der meinte: Die Menschen sollten gleichgültig gegenüber den Unterschieden ihrer Mitbürger werden. Von ihren anthropologischen Ketten befreit, können sie sich dann denen öffnen, die am selben Ort leben und anders sind als sie selbst. Damit spricht er die Schwierigkeiten in Ländern an, die viele Flüchtlinge aufnahmen, sich aber mit der anderen Kultur nicht identifizieren konnten (z.B. Schweden).

 

Sennett plädiert für die „offene Stadt“, weil die Bürger nur dort ihre Differenzen aktiv ausfechten und Stadtplaner nur dort mit urbanen Formen experimentieren können, die den Bewohnern die Bewältigung der Unterschiedlichkeit ihres Seins erleichtern. Er empfiehlt eine intensive Auseinandersetzung mit dem Leben in der Stadt.

„Seid Querdenker und seid mutig, dann erschafft Ihr eine originelle Vision für Eure Stadt“, sagt er zum Schluss. Es sei sein letztes Buch. Veronica Kaup-Hasler, amtsführende Wiener Stadträtin für Kultur und Wissenschaft will Sennett einladen, ‚open spaces‘ in Wien zu entwerfen. Unorganisiert, Vielfalt erlaubend und vibrierend. Schauen wir mal.

 

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Daniela Krautsack

Ausgebildete Media-Strategin und Media-Managerin, Trendforscherin

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