Wie Städte weltweit mit Wachstum umgehen

19.04.2023
Gesellschaft

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1950 waren es weltweit gerade einmal zwei Städte, die mehr als 10 Millionen EinwohnerInnen zählten: New York City und Tokio. 2010 gab es schon 26 Megastädte. Das weltweite Wachstum an Riesenstädten nimmt zu. Mittlerweile gibt es mehr als 450 Städte, die mehr als 1 Million EinwohnerInnen zählen.

 

Städte, wie Delhi, Shanghai und Dhaka wachsen jedes Jahr um knapp 700.000 Menschen. Vor allem in Asien, Südamerika und Afrika erleben die BewohnerInnen daher einen Urbanisierungsprozess im Zeitraffer.

 

Die Stadt Shanghai ist eine der am schnellsten wachsenden Städte am Planet Erde.
Wachstum unlimited in Shanghai – Foto von Road Trip with Raj auf Unsplash

 

Wien befindet sich übrigens auf Platz 190 dieser Liste an schnell wachsenden Städten. In der Europäischen Union gehört Wien zu den am schnellsten wachsenden Städten hinter Brüssel, Stockholm und Madrid.

Klemens Himpele, Abteilungsleiter der Abteilung Wirtschaft, Arbeit und Statistik (MA 23), erklärt, dass die EinwohnerInnenzahl in Wien seit Jahren mit enormen Raten zunimmt, vor allem in den Bezirken Liesing, Donaustadt und Floridsdorf. Seit dem Jahr 2000 habe die Stadt fast 200.000 EinwohnerInnen hinzugewonnen.

 

Ist eine Stadt nur lebendig, wenn sie groß ist und wächst?

Nein. Eine Stadt muss nicht zwangsläufig wachsen, um von Bedeutung zu sein. Es gibt viele Städte weltweit betrachtet, die seit Jahrhunderten eine wichtige Rolle spielen, obwohl sie nicht ständig größer werden. Ein Beispiel hierfür ist Venedig, das seit dem Mittelalter eine bedeutende Handelsstadt ist und bis heute eine immens wichtige Rolle im globalen Tourismus spielt.

Städte unterliegen permanent kontinuierlicher Veränderung. Das macht sie aus. Warum sie sich dauernd verändern, hat mit der sozialen, technischen, kulturellen sowie ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft zu tun.

Wie lebendig eine Stadt – egal welcher Größe sie ist – wahrgenommen wird, hängt von der Stadtstruktur, den einzelnen Stadtteilen, vom Handel und den begleitenden Funktionen, wie z.B. der Gastronomie ab.

 

Boomtown Blues: Warum schnelles Wachstum auch Risiken birgt

Eines der offensichtlichsten Risiken des schnellen Wachstums von Städten ist die Überlastung der Infrastrukturen. Wenn die Bevölkerung schneller wächst als die Stadtinfrastruktur, nimmt der Individual- und öffentliche Verkehr rasant zu. Es kommt zu Wassermangel oder Energieengpässen.

Grünflächen verschwinden, Müll und Abfall nehmen zu und schaffen massive Umweltprobleme. Insbesondere in den aufstrebenden Schwellenländern haben wir beobachtet, dass die Infrastruktur nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten kann. Das führt zu schlechter Lebensqualität und gefährdet die Gesundheit der EinwohnerInnen.

Ein weiteres Risiko ist die weltweite Gentrifizierung. Die Nachfrage nach Wohnraum lässt die Immobilienpreise steigen und das Leben für einkommensschwächere BewohnerInnen wird schwerer. Sie werden aus ihren Häusern gedrängt und die Stadt verliert die Vielfalt an Kulturen in einer Gemeinschaft.

 

Die Bedeutung des Handels in Städten nimmt ab

Der stationäre Handel übernimmt die Funktion der Grundversorgung einer Stadt. Die Frage ist: wie lange noch? Könnte eine Stadt mit vorwiegend jungen Menschen, die in einer digitalen Welt aufwuchsen, nur mit einer Versorgung durch Online-Marktplätze überleben?

Was bisher galt: Je größer und vielfältiger das Einzelhandelsangebot von Innenstädten ausgebildet ist, umso attraktiver ist diese Stadt für Ihre BewohnerInnen und BesucherInnen. Wenn Sie dieses Flair österreichischer Städte inzwischen vermissen, denken Sie an Innenstädte im Ausland, durch die sich die Massen mit großer Begeisterung schieben.

Heute wird der auf den Einzelhandel ausgerichtete Stadtraum den Anforderungen und Bedürfnissen einer lebendigen Stadt nicht mehr gerecht. Es fehlt am multifunktionalen, öffentlichen Raum zum Flanieren, zur Begegnung, sowie zu Erholung und dem ‚dolce far niente‘ – dem süßen Nichtstun.

 

Wachstum
Dolce Far Niente in der Stadt – ohne Konsum und Produktivitätsgedanken. Quelle: Unsplash

 

Das Wachstum von Städten muss mit einem Regelwerk einhergehen. Die Städte müssen grüner werden, nachhaltiger, autofreier oder verkehrsberuhigter – ob es sich um eine Kleinstadt oder Mega-Metropole handelt. Der Mensch sehnt sich nach der Lebensqualität, die dem Land zugeschrieben wird, mit all seinen urbanen Qualitäten.

Vice versa wünschen sich viele, zunehmend junge Menschen, die aus der Stadt flüchten oder am Dorf geblieben sind, urbane Qualitäten, soziale Interaktionen, Infrastrukturen und Aspekte – was das bunte Leben in der Stadt mit Inspirationen, vielfältigen Eindrücken und Lernmöglichkeiten bietet.

 

Sozialer Austausch gegen Homeoffice-Vereinsamung

Tobias Nöfer, Architekt und Stadtplaner in Berlin-Brandenburg sagt in einem Interview mit The Pioneer, dass eine erfolgreich gestaltete Innenstadt vor allem eines habe: eine soziale Funktion. Er sieht in der innerstädtischen Begegnung ein wichtiges Regulativ gegen die Vereinsamung der Menschen durch Homeoffice und auch gegen eine digital verzerrte Wahrnehmung der Welt.

„Wenn wir die Leute dazu bringen, wieder mehr in Kontakt zu treten mit dem, wie die Wirklichkeit der Stadt ist, dann werden sie lernen, im Kontakt mit anderen Menschen zu bleiben.“, erklärt er. Das sei ein sozialer Austausch, der unbedingt erforderlich ist, und viel Sozialpsychiatrie spart.

Von der Stadt als reinen Ort des Kommerzes halten StadtplanerInnen und BürgermeisterInnen flächendeckend gar nichts. Gerade der übermäßige Bau von Shoppingmalls in vielen deutschen Städten wie in Berlin, wo es mittlerweile fast 70 Einkaufscenter gibt, empfinden deutsche und internationale ExpertInnen als Fehlentscheidung. Sie seien wie Staubsauger für Innenstädte.

 

Leben in der digitalen Stadt

Die neue wachsende Stadt in unserem digitalen öffentlichen Raum – zumindest in den Träumen der Zuckerberg-Community – ist das Metaverse, von dem manche ganz hibbelig reden. Das Leben im digitalen Blueprint soll die Gesellschaft ‚irgendwann bald‘ fundamental verändern.

Da kommt schon mal die Frage auf, wer eigentlich noch als PflegerIn, Einzelhandelskauffrau oder HortpädagogIn arbeiten will, wenn sich mit dem Programmieren von Online-Spielen mehr Geld verdienen lässt? Früher wollten Kinder Feuerwehrmann und Polizist werden, heute lautet die Antwort oft: ‚Influencer‘.

Wer braucht noch eine teure Wohnung in der Stadt, wenn man auch am Land arbeiten kann? Wer sitzt noch stundenlang in übervollen Zugabteilen mit schlechtem Netzempfang, wenn man die Kollegen in der virtuellen Realität treffen kann?

Theoretisch ist das richtig, praktisch gäbe ich mein Leben in der Stadt nur mit Widerwillen auf. Schließlich zählt Wien neben Kopenhagen, Singapur und Madrid mit rund 1.000 Parkanlagen zu den grünsten Städten der Welt.

 

Die ortlose Stadt – Das Internet als alternative Heimat

In unserer globalisierten Welt, in der Technologie eine große Rolle spielt, gewinnen Vorstellungen, wie die einer „ortlosen Gesellschaft“ (placeless society) immer mehr an Bedeutung. William Knoke beschrieb bereits in seinem Buch „Kühne neue Welt“ im Jahr 1996 eine Zukunft, in der Orte keine Rolle mehr spielen und das Internet als Ersatzstadt fungiert.

 

Wachstum
Das Leben in der digitalen Stadt des Metaverse – Foto von Conny Schneider auf Unsplash

 

Menschen können von überall auf der Welt aus arbeiten. Ein Versicherungsvertreter kann seine Arbeit mit den Füßen in den Skischuhen in den Tiroler Bergen und eine Computerfirma ihre Software in einer niederösterreichischen Kleinstadt schreiben.

Unternehmen können Sitzungen in Telepräsenz abhalten und Geschäftsreisen gehören eigentlich seit Covid der Vergangenheit an. Die räumliche Distanz zwischen Menschen und Unternehmen spielt keine Rolle mehr, da die Kommunikation und Zusammenarbeit digital erfolgt.

 

Wachstum erfordert Umdenken

Der demografische Wandel, der durch die Alterung der Bevölkerung und den Rückgang der Geburtenraten gekennzeichnet ist, hat auch Auswirkungen auf das Städtewachstum. In vielen Ländern, wie auch in Österreich ist die Bevölkerungsentwicklung in Städten von Zuwanderung abhängig, da die Geburtenraten niedrig sind.

Wenn Zuwanderung durch Einwanderungsbeschränkungen oder politische Instabilität gehemmt wird, kann das Wachstum stagnieren oder sogar zurückgehen.

Gleichzeitig stellt der demografische Wandel Städte vor neue Herausforderungen. Eine alternde Bevölkerung erfordert oft spezielle Dienstleistungen und Infrastruktur, wie zum Beispiel barrierefreie Infrastrukturen und Einrichtungen zur Gesundheitsversorgung. Letztes Jahr (2022) wurden übrigens Singapur, Las Vegas und Amsterdam als die drei besten barrierefreien Städte für Menschen mit Behinderungen gewählt.

Soziale Investitionen können das Wachstum einer Stadt hemmen, da sie oft teuer sind und keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen bringen.

Der demografische Wandel kann das Städtewachstum aber auch beeinflussen, indem er neue Chancen für Innovation und Fortschritt eröffnet, wenn Städte auf die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung reagieren und neue Lösungen entwickeln. Barcelona, Portland, Hamburg und Seoul werden in Rankings immer wieder als führend in dieser Hinsicht erwähnt.

 

Was wir von den großen Philosophen lernen

Platon war einer der bekanntesten Philosophen der antiken griechischen Welt. Er hat in seinem Werk „Der Staat“ über die Idee einer idealen Stadt geschrieben. In dieser Stadt sollten die Menschen in Harmonie und Gerechtigkeit leben, ohne die negativen Auswirkungen von Konsumismus und materieller Gier.

Platon argumentiert, dass eine Stadt, die nur auf Wachstum und wirtschaftlichem Gewinn ausgerichtet ist, krank und korrupt wird und ihre BewohnerInnen unglücklich und unerfüllt macht.

Wie können die Ideen von Platon helfen, die Probleme, die mit dem Wachstum von Städten einhergehen, zu verstehen und zu lösen? Diese Idee hat natürlich auch heute noch Relevanz. Städte sind oft nicht mehr nur Orte, in denen die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt werden.

Es sind Zentren des Konsums geworden. Eine wachsende Stadt wird oft als ‚erfolgreiche‘ Stadt angesehen. Doch wenn dieses Wachstum auf Kosten der Umwelt, der sozialen Gerechtigkeit und des menschlichen Wohlbefindens geht, ist sie eher als krank zu bezeichnen.

 

Die Stadt der Erkenntnis

Platon bietet uns eine Lösung. Er propagierte, aus einer Stadt eine ‚Stadt der Erkenntnis‘ zu machen, in der Menschen bereit sind, ihr Wissen und ihre Talente zum Wohle der Gemeinschaft einzusetzen.

In einer solchen Stadt gibt es keinen Platz für Gier, Korruption und Egoismus, sondern Mitgefühl, Zusammenarbeit und die Suche nach dem Guten. Schön, nicht? Naiv? Vielleicht etwas. Möglich? Mit viel positivem Denken: klar.

Die „Stadt der Erkenntnis“ wurde erstmals im 10. Jahrhundert von al-Farabi, einem bekannten arabischen Philosophen und Wissenschaftler, beschrieben. Er beschrieb eine utopische Stadt, in der das Wissen und die Bildung der Bevölkerung hohe Priorität haben und wo Gelehrte und Wissenschaftler zusammenkommen, um Wissen auszutauschen und zu diskutieren.

Im Laufe der Zeit wurde dann die „Stadt der Erkenntnis“ zu einem wichtigen Konzept in der arabischen Kultur des Mittelalters. Viele Städte, insbesondere in Nordafrika und im Nahen Osten, entwickelten sich zu wichtigen Zentren des Wissens und der Bildung, wo viele Bibliotheken, Schulen und Universitäten entstanden.

Auch heute bemühen sich viele Städte auf der ganzen Welt darum, zu Zentren des Wissens und der Innovation zu werden, indem sie Universitäten, Forschungsinstitute und Kulturzentren fördern. Boston (USA), Cambridge (UK), Peking (China), Berlin (D) und Kyoto (J) beherbergen hervorragende Bildungs- und Kultureinrichtungen. Sie sind Vorbilder dieser Philosophie.

 

Titelbild (c) Quang Nguyen Vinh on Pexels

 

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Daniela Krautsack

Ausgebildete Media-Strategin und Media-Managerin, Trendforscherin

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