Die Übertourismus-Plage – Ursachen und Gegenstrategien

17.12.2019
Gesellschaft

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Mega-, über-, drüber. Die Steigerungsform Übertourismus hört sich wie ein Jugendwort an. An dieser Stelle hätten wir eigentlich gerne über die Highlights der diesjährigen Biennale in Venedig berichtet. Der Ordnung halber wollten wir den Kulturbericht mit dem Aspekt des Massentourismus korrelieren, der die Lagunenstadt seit geraumer Zeit quält.

Die geplante Reise im November habe ich aber schon nach dem letzten Zwischenfall mit einem Kreuzfahrtschiff in Venedig abgesagt. Der bloße Anblick der Massen, die sich über die kleinen Brücken schieben und der schwimmenden Kolosse, die das fragile Ökosystem nachhaltig zerstören, hätte mir die Freude über die Kunstinstallationen genommen. Also widmen wir uns einem Thema, das dem Coolness-Faktor eines Jugendworts leider nicht entspricht: der Übertourismus-Plage.

Die Begeisterung fürs Reisen hat sich verschoben

Wir alle möchten die wunderbare Welt, in der wir leben, sehen und erleben. Aber wie können wir das verantwortungsbewusst tun? Letztendlich müssen wir alle individuell zu unseren eigenen Schlussfolgerungen kommen.

Seit Venedig von der Überflutung mit Tagestouristen, den Problemen mit Airbnb und den folgenschweren Veränderungen für die Bewohner Venedigs, die Architektur und das italienische Flair, das durch die lokale Kultur weltweit bekannt und begehrt ist, heimgesucht wird, traue ich mich nicht mehr in diese Stadt.

Ich will nicht mitverantwortlich sein, dass sich Venedig zunehmend in einen Vergnügungspark für Tagesgäste verwandelt und auch nicht, dass die jungen Einheimischen Opfer einer Wohnraumverknappung werden.

Übertourismus Kreuzfahrtschiffe in Venedig
Kreuzfahrtschiffe in Venedig – canva.com

Venedig, Barcelona, Dubrovnik, Salzburg, Hallstatt – das sind jene Orte, die meine Interviewpartner aus Österreich in Verbindung mit dem sogenannten Übertourismus nennen. Welche Maßnahmen müssen diese Tourismus-Hotspots treffen, um die Begeisterung für einen Besuch aufrecht zu halten?

Mit dem Wort Tourismus verband man bis vor einigen Jahren Freizeit, Entspannung, Abenteuer, Unterhaltung und Genuss. Es hat vergessenen ländlichen Gemeinden Wohlstand gebracht, zerfallende historische Städte wiederhergestellt und sogar vom Aussterben bedrohte Tierarten konserviert.

Jetzt bedeutet Reisen oft Stress

Letzten Sommer wollte mein 5-jähriger Sohn unbedingt den Eiffelturm sehen. Da wir in der Wohnung meiner Freundin in Paris übernachten konnten, kostete der 5-tägige Trip nur ein Drittel der Österreich-Reise durch Salzburg, die wir kurz davor genossen hatten. Die Zeit in Paris war für uns beide purer Stress.

Das lange Warten in ewig langen Schlangen. Trilliarden von Menschen in der U-Bahn. Überfüllte Parks. Von den Menschenhorden vor Museen gar nicht zu sprechen. Das Fazit nach der Reise: Sommerurlaub wird nur mehr dort gemacht, wo wir auf wenige Menschen treffen. Wie z.B. in den Alpen. Und der O-Ton meines Sohnes: „Den Big Ben in London schauen wir uns lieber in meinen Büchern an.“

Seit 2016 hat das Phänomen der Überfüllung von stark besuchten touristischen Destinationen offiziell einen Namen: Overtourism – auf Deutsch pragmatisch mit Übertourismus übersetzt. Das Wort entsteht aus einer Steigerung des Massentourismus hin zu einer Entwicklung, die das Entstehen von Konflikten zwischen Einheimischen und Besuchern an stark besuchten Zielen zum Gegenstand hat.

Beispiele für Übertourismus

  • Wenn immer mehr Wohnungen für Ferienvermietungen freigemacht werden und die Mietpreise durch das verknappte Angebot an Wohnraum steigen.
  • Wenn schmale Straßen und öffentliche Verkehrsmittel mit Touristen verstopft sind.
  • Als Einheimischer und Tourist kann man keine Sehenswürdigkeiten mehr sehen, weil man trotz vorher gebuchtem Onlineticket stundenlang auf den Einlass warten muss.
  • Wenn sich die Lebensqualität aufgrund von steigendem Lärm, Vermüllung und zunehmender Sicherheitsprobleme verschlechtert.

Wer jubelt, wer flucht?

Tourismusmanager und Wirtschaftstreibende jubeln. Diejenigen, die sich von den Besuchern überrannt fühlen, fluchen. Aus Sicht der Einheimischen werden ‚zu viele‘ Touristen zu einem Störfaktor, der das tägliche Leben vor Ort belastet. Auch die Touristen selbst können die anderen Touristen als störend empfinden.

Die Grenze der Belastbarkeit ist erreicht, vor allem, wenn Touristen zum Filmen und Fotografieren zunehmend Drohnen einsetzen und damit auch vor den Fenstern der Wohnhäuser schweben.

Die Wurzeln des Übertourismus

Das Verhaltensmuster des Reisens hat sich über die Jahrzehnte verändert. Die günstigen Tarife der Billigfluggesellschaften ermöglichen Menschen reisefreudiger Nationen, kurze und zahlreiche Besuche pro Jahr zu tätigen. Reisen führen häufiger ins Ausland, sind kürzer, und besonders bei Fernreisen wollen Touristen so viele Destinationen wie möglich sehen.

Übertourismus: Ursachen und Gegenstrategien
Billig reisen – schnell online gebucht. Quelle: Canva.com

Wie die Statistik Austria vor einigen Tagen berichtete, hat sich auch das Reiseverhalten der Österreicher seit den siebziger Jahren stark verändert. Auch hierzulande reisen Herr und Frau Österreicher viel öfter, dafür kürzer und häufiger mit dem Flugzeug.

Der Kreuzfahrttourismus wächst stark. Schiffsgrößen mit 2000 und mehr Passagieren sind weit verbreitet und es kann vorkommen, dass mehrere dieser Schiffe gleichzeitig im selben Hafen liegen. Hafenstädte sind bei den Landausflügen angesichts der großen Zahl an plötzlich auftretenden Touristen oft überfordert.

Durch das Internetportal Airbnb werden Kapazitäten, die ursprünglich dem Wohnungsmarkt der Einheimischen dienten, für Zwecke des Tourismus (zweck-)entfremdet. Die Folge ist ein Anstieg der Mieten durch die höhere Nachfrage an Wohnraum, wodurch eine Verknappung entsteht.

Filmbasierter Übertourismus

Markante Gebäude, Dörfer, Städte oder Landschaften können plötzlich zu einem Touristen-Hotspot werden, wenn sie als Drehort für einen Film oder eine Fernsehserie genutzt wurden. Die Beispiele sind bekannt: In der Küstenstadt Dubrovnik wurde „Game of Thrones“ gedreht, seither wird die historische Altstadt ‚überrannt‘.

Das unfassbarste Beispiel bietet die HBO-Serie «Chernobyl», die auf dem Reaktorunglück von Tschernobyl im Jahr 1986 basiert. Seither reisen Zuseher an den Ort der nuklearen Katastrophe. CNN berichtete, dass Hunderte von Menschen Tagestrips in die Sperrzone unternehmen.

Dabei müssen Touristen nicht immer dorthin gehen, wo sowieso schon alle hinreisen. Tolle Filmschauplätze gibt es nämlich auch in Österreich:

  • In Lienz/Osttirol, wo der Film ‚Sieben Jahre in Tibet‘ mit Brad Pitt gedreht wurde,
  • Im Naturpark Seewaldsee im Tennengau, den Nicolas Cage als Märchenlandschaft bezeichnete (Der letzte Tempelritter) oder
  • in Feldkirch und Bregenz – Städte, die James Bond in ‚Ein Quantum Trost‘ beherbergten.

Steigende Besucherzahlen in den Tourismus-Hotspots sind eine Plage

Die Reisebranche konzentriert sich wie viele andere fast ausschließlich auf das Wachstum, wobei die Auswirkungen kaum oder gar nicht berücksichtigt werden. Nach Jahrzehnten praktisch unkontrollierten Wachstums hat es eine Schwelle überschritten. In vielen Destinationen verursacht der Tourismus nachweislich mehr Probleme als Vorteile.

Wie derstandard.at letzte Woche berichtet, kamen laut Wifo-Analyse in Hallstatt 2018 auf einen Einheimischen rund 124 Urlauber, Tagestouristen nicht inkludiert. Damit sei in Hallstatt das Verhältnis Tourist versus Einwohner fast dreimal so stark wie in Dubrovnik und mehr als sechsmal so stark wie in Venedig.

Das Problem potenziere sich in Hallstatt noch dadurch, dass viele Besucher nur einen kurzen Zwischenstopp für ein paar Fotos einlegen, also nicht einmal Geld für ein Mittagessen im Ort lassen.

Übertourismus: Wie die Einheimischen reagieren

Bürgerinitiativen, Märsche auf den Straßen und Graffitis mit Aufschriften, wie „Tourist go home“ zählen noch zu den milderen Antworten der zunehmend verärgerten Bevölkerung. Schlimmer ist es, wenn Fremdenführer attackiert werden.

„Die Einheimischen begehren in Hallstatt schon auf, aber Gottseidank noch nicht wie in Barcelona, wo die Autobusreifen von Reiseveranstaltern aufgestochen werden,“ berichtet Stefan Heinisch, Projektleiter der Bewerbung Bad Ischls zur Europäischen Kulturhauptstadt 2024.

In einigen Fällen reagierten die lokalen Behörden mit einer Erhöhung von Gebühren und der Verweigerung der Erteilung von Genehmigungen für stärker auf Touristen ausgerichtete Unternehmen in den Innenstädten. In manchen Ländern werden sogar ganze Stadtteile für Besucher geschlossen.

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„Wir wollen europäisches Role-Model dafür werden, den Tourismus mit Kultur auszubalancieren. Der Kulturtourist ist eine Gegenthese zum asiatischen Instagram-Touristen, der manchmal nur für ein Foto bleibt“, sagt Tourismusexperte Stefan Heinisch im Gespräch mit der APA.

Übertourismus: Ursachen und Gegenstrategien
(c) Gerhard Mair, Büro SKGT24

Uns erzählt Heinisch, dass Bad Ischl und das Salzkammergut die Frage des Übertourismus in der Bewerbung aktiv angesprochen und die Jury auch nach Hallstatt gebracht haben.

Heinisch berichtet: „Wir sind mit der Jury-Delegation in Bad Ischl in den Regionalzug eingestiegen und haben gezeigt, wie der Reiseweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hallstatt aussieht. Uns wurde bewusst, dass es die Jury beeindruckt, wie wir die Herausforderungen des Übertourismus selbstbewusst und mit künstlerisch kreativem Zugang thematisieren wollen.“

Übertourismus: Ursachen und Gegenstrategien
(c) Gerhard Mair, Büro SKGT24

Was war das ausschlaggebende Argument für Bad Ischl?

„Wir haben den Jury-Report noch nicht erhalten, glauben aber, dass unsere Geschichte über Hallstatt, die Auseinandersetzung mit dem Thema des Übertourismus, und unsere programmatisch thematischen Zugänge zu einem Regionen verbindenden Kulturkonzept den Zuschlag beeinflusst haben. Unsere Gemeinden stehen stellvertretend für die Nationen in Europa, die sich immer mehr abschotten. Bei uns verschwindet jeder hinter seinem Kirchturm.

(c) Gerhard Mair, Büro SKGT24

Wir brauchen tiefergehende Kooperationen. Unser Ziel ist es, Touristinnen und Touristen auch ins Umland – in Regionen mit Tourismuspotential – zu bringen. Dafür braucht es die Bewerbung von Reise-Routen und den Ausbau von öffentlichen Verbindungen. Wir haben nun 4 Jahre Zeit, um all das vorzubereiten.“ erklärt Heinisch.

Man plane unter anderem eine dreitägige Konferenz mit dem Namen ‚Hallstatt disappears‚. Dabei werde die chinesische Kopie von Hallstatt auf das Original projiziert.

„Wir werden mit Künstlern, Philosophen und Wissenschaftlern diskutieren, wie man einerseits mit Übertourismus und anderseits auch als Kulturhauptstadt mit den Folgen der Besucherströme umgehen kann, und damit auch anderen Regionen Handlungsanweisungen bieten,“ kündigt Heinisch an.

Die Einstellung ändern

Die Möglichkeiten einer Stadt, wie Salzburg, die Besucherzahl zu regulieren, seien beschränkt, sagt der Tourismusdirektor der Stadt Salzburg Herbert Brugger. „Wir kennen die Möglichkeiten, wie die Beschränkung von Betten- und Buskapazitäten. Wir analysieren gemeinsam mit dem AIT (Austrian Institute of Technology) Konzepte der „Besucherlenkung“ und setzen auf „regionale und saisonale Entzerrung“.

Preisliche Maßnahmen, also eine Verteuerung bestimmter Leistungen zur Eindämmung der Besucherzahlen, empfände Brugger als „ungerecht“. Jeder sollte die Möglichkeit haben, Städte und ihre Sehenswürdigkeiten zu besuchen.

Die Kritik der Einheimischen würde er verstehen – trotzdem meint Brugger, dass diejenigen, die häufig Kritik üben auch jene seien, die gerne auf überfüllte Christkindlmärkte gehen, sich in volle Fußballstadien setzen oder am Wochenende den Stau aufs Land gerne in Kauf nehmen.

„Die Leute mögen es, wenn viel los ist. Auf der einen Seite will man die Touristen in der Innenstadt nicht vor der Haustüre haben, aber in die Vorstadt wollen die Leute auch nicht ziehen.“

 

Tourismusstrategie – gesucht!

Ist Partizipation das Schlüsselelement einer Tourismusstrategie, die Übertourismus erfolgreich eindämmt?

Vielleicht sollte jeder Besucher ein Manifest in die Hand gedrückt bekommen, das ihn an folgendes erinnert: Wer reist, trägt Verantwortung für sich, die Umwelt und die Menschen der Region, die er besucht. Wer diese Freiheit nutzt, sollte sie verantwortungsvoll in Anspruch nehmen.

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Titelbild (c) Gerhard Mair, Büro SKGT24

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Daniela Krautsack

Ausgebildete Media-Strategin und Media-Managerin, Trendforscherin

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