Die 12 wichtigsten Kriterien für eine sichere Stadt

27.03.2017
Gesellschaft

Sichere_Stadt

Das Thema „Sicherheit“ ist erst seit kurzem auch in Österreich medial fast täglich in den Fokus gerückt. Das sind die 12 wichtigsten Punkte für eine sichere Stadt.


Wenn man von Sicherheit spricht, muss man von objektiver und subjektiv empfundener Sicherheit sprechen. Beide Perspektiven sind für eine sichere Stadt von Bedeutung.

Dabei ist wichtig zu wissen: Die subjektive Wahrnehmung von Sicherheit hängt nur bedingt mit objektiven Bedrohungen zusammen. Vielmehr nährt sie sich aus einem Prozess, bei dem „objektive Bedrohungen“ zwar eine entscheidende, aber eben nicht die einzige Determinante darstellen.

Sicherheitsspezifische Studien zeigen, dass diese Definitionen nur bedingt auf objektive und nachweisbare Risiken oder tatsächlich statt gefundene Verbrechenssituationen zurückzuführen sind. Teilweise würden sie sich sogar konträr zu tatsächlichen objektiven Sicherheitslagen entwickeln, sagen Studien des Österreichischen Förderprogramms für Sicherheit Kiras, das vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie ins Leben gerufen wurde.

Hier sind die 12 wichtigsten Punkte, die zu einem ganzheitlichen Sicherheitskonzept einer Stadt beitragen:

 

1. Vertrauensbildung und Information für eine sichere Stadt

Der Sicherheitsexperte Dr. Ralph Hammer ortet unvollständige Informationen und Fake News als eine der größten Gefahren für die oben beschriebene subjektive Sicherheit. „Im Gegensatz dazu sind faktenbasierte Informationen wichtig zur Bildung des Vertrauens“, sagt Hammer. In den letzten 1,5 Jahren sei aufgrund der Flüchtlingsproblematik das subjektive Sicherheitsempfinden tendenziell gesunken – nicht zuletzt aufgrund diverser Informationen, die über Medien und Social Media praktisch täglich verbreitet werden.

Wie können Städte und Gemeinden dazu beitragen, Klarheit über Fakten zu schaffen? Indem sie den BürgerInnen entsprechende Informationen weitergeben, die auf Tatsachen basieren. Information ist deshalb so wichtig, weil Menschen dazu neigen, zu verallgemeinern und das Schlechteste anzunehmen, wenn sie keine oder zu wenig Informationen erhalten. Hinsichtlich der Integration von Flüchtlingen sind dabei gemeinsame Veranstaltungen mit den einheimischen BürgerInnen hilfreich, um Vorurteile abzubauen. Interkulturelle Koch-Events oder Musikveranstaltungen haben sich in der Praxis gut bewährt.
Auch Gerüchte und Geschichten über „berüchtigte Grätzel und Plätze“ tragen ihr Übriges dazu bei, dass Menschen sich an bestimmten Orten unsicher fühlen.

 

2. Technologische Sicherheit

Sichere Stadt; Sicherheit in der Stadt
Tokio liegt in Rankings der sichersten Städte der Welt immer ganz vorne. Insbesondere bei der Digitalen Sicherheit und im Schutz vor Naturkatastrophen hat die Metropole die Nase vorn.

Gerade im Zeitalter der SMART Cities ist die technologische Sicherheit ein steigendes Forschungsfeld von Kiras. Wie werden kritische Infrastrukturen wie Strom, IKT, Wasserkraft und Notfallversorgung geschützt? „Gerade in Zeiten des Internets spielt auch Cyber Crime eine immer größere Rolle. Dabei geht es für eine sichere Stadt auch um Fragen zur Kontrolle des Dark Nets oder um Betrug mit Kreditkarten oder Bitcoins“, so der Experte.

Die technologische Sicherheit ist nur teilweise in den Gemeinden selbst angesiedelt, sie muss in vielen Bereichen bundesweit gewährleistet sein.

 

3. Orientierung

Wie gut findet man sich in einer Stadt zurecht? Ausschlaggebend dafür ist, dass mögliche Ziele und markante Plätze gut sichtbar gekennzeichnet sind. Sichtverbindungen zu Orientierungspunkten und eine übersichtliche Wegführung helfen auch nicht Ortskundigen dabei, ihren Weg in der Stadt zu finden.

 

4. Übersicht und Einsehbarkeit

Wege und deren Umgebungen sollen möglichst gut überschaubar sein. Eine transparente Gestaltung stellt Sichtverbindungen zwischen Innen- und Außenräumen oder belebten und weniger belebten Zonen her.

 

Sichere Stadt; Sicherheit in der Stadt
Übersicht gewährleisten und Grenzen setzen: Zäune, Hecken und Mauern trennen öffentliche von nicht öffentlichen Bereichen oder solchen, die betreten werden dürfen oder eben nicht. © Fotolia

 

5. Beleuchtung

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Dieser Kebab-Stand am Wiener Ring ist gleich an einer Straßenbahnhaltestelle gelegen. Beleuchtung ist an unterschiedlichen Stellen angebracht.

Wo es dunkel ist, sinkt nicht nur das subjektive Sicherheitsempfinden, auch objektiv tragen solche Orte wenig zur Prävention von Verbrechen für eine sichere Stadt bei. Empfohlen wird, dass Personen bei einem Mindestabstand von zehn Metern erkennbar sind. Diese Distanz ermöglicht es, individuell zu reagieren, zum Beispiel, indem man die Straßenseite wechselt oder das Handy aus der Tasche nimmt. Auch „sehen und gesehen werden“ ist bei einer Mindestsichtweite von zehn Metern noch möglich. Auch potenzielle Angsträume wie öffentliche Plätze, Parkanlagen und Unterführungen, müssen durch Beleuchtung für eine sichere Stadt übersichtlich und gut einsehbar gestaltet werden.

Wichtig: Vermeiden Sie auch Blendeffekte und zu viel Schatten.

Die Straßenbeleuchtung wirkungsvoll unterstützen können die Lichter in den Wohnräumen der Häuser. Sind diese nicht zu hoch gebaut, profitiert die nächtliche Straße davon.

 

6. Zugänglichkeit

Markante Punkte und Ziele wie Hauseingänge, Infrastruktureinrichtungen oder Haltestellen sollen auf möglichst direktem Weg und frei von Hindernissen zugänglich sein.

Gut ist auch, Alternativrouten und Fluchtwege anbieten zu können, wenn es zum Beispiel in der Nacht eine Situation erfordert, auszuweichen.

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Der Hauptbahnhof in Amsterdam: Ein weitläufiger Platz ermöglicht eine gute Übersicht, die Infrastruktur ist gut zugänglich und umfasst keine engen Wege.

 

7. Belebung und Bewegung

Belebte Orte wirken auf mögliche Täter abschreckend. Und je belebter ein Ort ist, desto mehr Möglichkeiten gibt es, andere Menschen um Hilfe zu fragen, wenn man bedroht wird oder sich bedroht fühlt. Das wiederum stärkt das subjektive Sicherheitsgefühl.
Wenn Plätze attraktiv gestaltet sind, ist eine hohe Aufenthaltsfrequenz wahrscheinlich. Ebenso macht es Sinn, stark frequentierte Einrichtungen nach Funktionen zu bündeln und zusammen anzusiedeln. Schanigärten, Imbissbuden und allgemein ein etabliertes gastronomisches Angebot mit hohen Besucherströmen tragen für eine sichere Stadt dazu bei, dass die „sozialen Augen“ gut sehen können.

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Die Fußgängerzone in der Meidlinger Hauptstraße in Wien fiel durch eine große Diversität positiv auf. © Prosser

Jene Gebäude, die angrenzen, sollten so ausgerichtet sein, dass sie eine möglichst hohe soziale Kontrolle möglich machen.
Auf der Einkaufsstraße Meidlinger Hauptstraße in Wien, die großteils als Fußgängerzone geführt ist aber teilweise auch von Autos befahren wird, wurde im Rahmen einer Funktions- und Sozialraumanalyse der Wechsel zwischen unterschiedlichen Geschwindigkeiten als positiv wahrgenommen. Die Meidlinger Hauptstraße hat eine hohe Diversität: Sie ist also zum einen ein Platz zum Durchgehen, zum anderen zum Verweilen.

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Die Häuser in Kopenhagen sind niedrig gebaut. © Fotolia

Auch die Höhe und Dichte der gebauten Wohnhäuser kann eine Unterstützung bei der sozialen Kontrolle sein: Jan Gehl stellt in seinem Buch „Städte für Menschen“ (jovis Verlag, € 32,–) die Städte Sydney und Kopenhagen gegenüber, wobei Sydney viele Hochhäuser als Wohnhäuser beherbergt, Kopenhagen hingegen eher mit niedrigen Wohnhäusern besiedelt ist. Das hat den Effekt, dass die BewohnerInnen von Kopenhagens Wohnungen praktisch von ihren Wohnzimmern aus die Straßen indirekt besser kontrollieren können.

 

8. Verantwortlichkeit

Soziale Kontrolle setzt voraus, dass die AnrainerInnen sich für ihr Umfeld mitverantwortlich fühlen und im Fall des Falles Zivilcourage aufbringen. Voraussetzung dafür ist, dass sie sich mit dem Gebiet, in dem sie wohnen, identifizieren und sich damit auseinandersetzen. Hilfreich ist, Gebiete in übersichtliche Einheiten zu gliedern. Wohnkomplexe sollten in ihrer Größe und Struktur möglichst überschaubar sein. Wenn auch Arbeitsplätze und Infrastruktureinrichtungen in dem Wohngebiet vorhanden sind, schafft das Möglichkeiten, einander kennen zu lernen bzw. miteinander zu kommunizieren.

 

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Streetwork am Wiener Karlsplatz konnte die Anzahl der Drogenabhängigen reduzieren.

Andererseits wünschen sich BürgerInnen auch Profis, die für gewisse Themen verantwortlich sind. Hier bewegt man sich allerdings in einem ambivalenten Bereich: Erhöht die Frequenz von Polizei auf Öffentlichen Plätzen tatsächlich das Gefühl von subjektiver Sicherheit oder führt die offensichtliche Präsenz der Exekutive mehr zu Verunsicherung? Experte Hammer: „In einstigen Problemzonen wie dem Wiener Karlsplatz wurde deutlich, dass es manchmal sinnvoller ist, Situationen zuerst mittels Streetworkern zu klären, bevor man die Polizei einbindet.“

 

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Seit 2007 sind die MitarbeiterInnen der Mobilen Sozialen Arbeit in ihrer auffallenden roten Dienstkleidung in Wien unterwegs.

Die Suchthilfe Wien hat zum Beispiel die Initiative SAM eingerichtet, die an Bahnhöfen, Plätzen, Parks u. ä. multiprofessionelle Teams sichtbar macht. Sie sind dafür da, subjektive Unsicherheitsgefühle ernst zu nehmen und bei divergierenden Bedürfnissen am öffentlichen Raum aktiv zu werden und zum Beispiel zu vermitteln. SAM bietet professionelle Hilfe für marginalisierte Menschen – zum Beispiel Obdachlose, Drogenabhängige, Alkoholiker uvm. – und unterstützt gleichzeitig BewohnerInnen in der Umgebung, wenn diese sich verunsichert fühlen. Ziel ist es, die objektive Sicherheit und das subjektive Sicherheitsgefühl zu stärken.

 

9. Konflikte vermeiden

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Ali, Katharina und Tamara vom FAIR PLAY-TEAM der Stadt Wien helfen, Konflikte im öffentlichen Raum zu vermeiden.

Prävention und Deeskalation ist ebenso ein wichtiger Sicherheitsaspekt. Die Stadt Wien hat  mit dem „Fair-Play-Team“ eine neue Initiative für den öffentlichen Raum gestartet. Die Idee ist, eine eigene „Grätzel-Identität“ zu bilden und sich dadurch von Nachbarschaftsgebieten zu unterscheiden. An die 50 MitarbeiterInnen des FAIR-PLAY-TEAMs, die man an ihren Taschen und T-Shirts erkennt, können an öffentlichen Plätzen angesprochen werden: Sie sind in 15 Bezirken tagsüber und am Abend unterwegs, interessieren für die Anliegen und Bedürfnisse der AnrainerInnen und sorgen für ein lebenswertes Miteinander. Im Jahr 2015 gab es in ganz Wien über 48.000 Kontakte – je ein Drittel Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

 

Räumliche Situationen können Konflikte durch Ausweichmöglichkeiten auf Grund ausreichenden Platzangebotes, durch Aneignungsmöglichkeiten für mehrere Gruppen gleichzeitig und durch flexible Nutzbarkeit vermeiden. Auch die deutliche Lesbarkeit von Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Flächen trägt zur Konfliktvermeidung für eine sichere Stadt bei.

 

10. Sauberkeit

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Wirkt nicht gerade einladend: Ein Wohnhaus in Berlin-Kreuzberg.

Studien haben ergeben, dass instand- und rein gehaltene Grünflächen als sicherer empfunden werden, da Beschädigung die Anwesenheit von Gewalt suggeriert. Wenn Verschmutzungen, Müll, Graffiti und Vandalismusschäden rasch beseitigt werden, beugt das dem Eindruck von Verwahrlosung vor.  Das subjektive Sicherheitsgefühl wird dadurch erhöht.

 

11. Überwachung

Bei der Videoüberwachung habe sich gezeigt, so Sicherheitsexperte Ralph Hammer, dass diese zwar helfe, Verbrechen aufzuklären, nicht aber, diese zu verhindern. Zudem stellt sich bei der sichtbaren Überwachung erneut die Frage, wie subjektiv sicher sich PassantInnen durch die offensichtliche Präsenz von Kameras fühlen. Bei den jüngst getesteten Polizei-Bodycams habe sich gezeigt, dass es eine abschreckende Wirkung zum Beispiel auf Betrunkene habe, wenn diese sich auf dem zu ihnen gewandten Display selbst erkennen konnten. Ralph Hammer: „Sie waren in der Kommunikation mit den Polizisten deutlich ruhiger als bei anderen Modellen.“

 

12. Verkehrssicherheit

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Breite Wege für FußgängerInnen und RadfahrerInnen sorgen für mehr Übersicht und breitere Abstände bei verschiedenen VerkehrsteilnehmerInnen.

Sicherheit in der Stadt beginnt im Straßenverkehr. Dabei gilt: Je mehr verschiedene VerkehrsteilnehmerInnen es gibt – von den AutofahrerInnen über die MotorradlenkerInnen bis hin zu FußgängerInnen und RadfahrerInnen in verschiedenen Altersstufen uvm. – desto besser muss auf deren individuelle Sicherheit im Zusammenspiel geachtet werden. Dabei spielen Faktoren wie die Breite der Gehsteige, das Vorhandensein von Ampeln und Zebrastreifen, die Anordnung und Breite der Radwege oder Geschwindigkeitsbegrenzungen eine Rolle. Auch die Barrierefreiheit der Verkehrswege muss an möglichst allen Stellen gewährleistet sein.

In Kopenhagen zum Beispiel werden parkende Autos genutzt, um den Streifen für RadfahrerInnen von der Fahrbahn der Autos zu trennen. Sogenannte „Mischnutzstraßen“, die von Autos, FußgängerInnen und RadfahrerInnen gemeinsam genutzt werden, gelten als besonders sicher, weil jeder Verkehrsteilnehmer zu jeder Zeit besonders wachsam sein und Augenkontakt halten muss.

 

 

Fazit Die 12 wichtigsten Kriterien für eine sichere Stadt:

Sicherheit in einer Stadt/Gemeinde hat viele Aspekte. Gelungen ist, wenn sich das subjektive Sicherheitsempfinden mit der objektiven Sicherheit weitgehend deckt. Um beide Aspekte zu verbessern, müssen Städte mitunter folgende Teilbereiche entwickeln: Vertrauensbildung und Information, Technologische Sicherheit, Orientierung, Übersicht und Einsehbarkeit, Beleuchtung, Zugänglichkeit, Belebung und Bewegung, Verantwortlichkeit, Konfliktvermeidung, Sauberkeit, Überwachung und Verkehrssicherheit.

 

Mehr Informationen:

Planen – aber sicher! Physische und soziale Verunsicherungsphänomene – Wie kann die Stadtplanung ihnen begegnen?

Sicherheit im öffentlichen und halböffentlichen Raum

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