Digitale Daseinsvorsorge braucht starke Regionen

13.08.2026
Standortmanagement

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(c) Pexels - Usman Younas

Warum Datensouveränität, Resilienz und regionale Zusammenarbeit über die Zukunftsfähigkeit von Gemeinden entscheiden. 

 

Wenn von der digitalen Gemeinde die Rede ist, denken viele vorrangig an Breitband, digitale Verwaltungsleistungen oder künstliche Intelligenz. Aber das greift zu kurz.

Denn die eigentliche Veränderung beginnt dort, wo digitale Systeme in die öffentliche Daseinsvorsorge eingreifen: bei der Steuerung von Infrastrukturen, beim Zugang zu Daten und bei der Frage, wer im Ernstfall handlungsfähig bleibt. Digitalisierung wird damit zu einer politischen Aufgabe. Und zu einer Frage demokratischer Verantwortung.

Für einzelne Gemeinden ist das schwer allein zu bewältigen. Zu groß sind die technischen Anforderungen, zu komplex die Datenfragen, zu hoch oft auch die personellen und finanziellen Hürden. Genau deshalb rückt die regionale Ebene in den Mittelpunkt.

Wenn im Folgenden von der kooperierenden Region die Rede ist, ist damit kein neuer Verwaltungsapparat gemeint. Gemeint ist eine verbindliche Form der Zusammenarbeit: Gemeinden, Infrastrukturträger, Wirtschaft, Forschung und Bevölkerung bündeln Wissen, Verantwortung und Ressourcen dort, wo kommunale Grenzen längst nicht mehr weiterhelfen, wo agile, eng kooperierende Regionen für Chancengleichheit aller Bürger:innen gestalten und sichern.

Datensouveränität ist dafür ein Schlüssel. Denn wer über die eigenen Betriebs- und Steuerungsdaten nicht verfügen kann, verliert auf Dauer auch einen Teil seiner Gestaltungs-, Wettbewerbs- und Krisenfähigkeit. Die Frage lautet also nicht nur, wie digital Gemeinden künftig sein werden. Sondern wer diese Entwicklung steuert – und in wessen Interesse. Datensouveränität soll dem Gemeinnutzen dienen und uns im regionalen Verbund die Zukunftsfähigkeit sichern.

Expertinnen- und Expertenforum „Digitale Gemeinde 2035“
Oskar Januschke bei seinem Vortrag zur digitalen Daseinsvorsorge und zur Rolle kooperierender Regionen beim Expertinnen- und Expertenforum „Digitale Gemeinde 2035“ im Parlament. Das gesamte Forum ist auch hier als Video verfügbar (c) Parlamentsdirektion

Digitale Daseinsvorsorge definieren

Wasser, Mobilität, Bildung, Betreuung, Gesundheit und Sicherheit: Was zur klassischen Daseinsvorsorge gehört, scheint auf den ersten Blick klar. Doch diese Definition stammt aus einer Welt, in der digitale Systeme noch keine zentrale Rolle gespielt haben.

Heute hängen immer mehr öffentliche Leistungen davon ab, dass Netze funktionieren, Daten verfügbar sind und digitale Dienste verlässlich genutzt werden können. Sensorik steuert Infrastrukturen. Betriebsdaten werden zur Grundlage für Planung und Krisenmanagement. Und ohne digitale Kompetenzen bleibt ein Teil der Bevölkerung von wichtigen Angeboten ausgeschlossen.

Gerade die Hitzeepisoden des heurigen Sommers verdeutlichen anschaulich, wie wichtig das Vorhandensein von Sensornetzen mit Datenbereitstellung in Echtzeit im Bereich der Wasserversorgung, Bodenbewässerung, regionalen Wettersituation, etc. wäre, um eine bessere Planung und gerechtere Steuerung des Wasserressourcen sicherzustellen. Und das ist nur ein Einsatzbereich der vielfältigen Daseinsvorsorgeleistungen des Public Sektors.

Digitale Daseinsvorsorge umfasst deshalb weit mehr als Technik. Sie beschreibt auch die Fähigkeit des öffentlichen Sektors, digitale Entwicklungen im Interesse der Bevölkerung zu gestalten und grundlegende Leistungen langfristig abzusichern.

Was genau darunterfallen soll, ist allerdings noch nicht ausreichend geklärt. Es braucht, wie erfolgreiche Beispiel in Europa zeigen, auch in Österreichen einen politischen Aushandlungsprozess zu Fragen wie:

  • Welche digitalen Leistungen sollen öffentlich gewährleistet werden?
  • Welche Aufgaben können private Anbieter übernehmen?
  • Wo darf öffentliche Verantwortung nicht vollständig ausgelagert werden?
  • Schlichtweg eine zukunftweisende Definition von Daseinsvorsorge und desses Leistungsspektrum um für die gesellschaftlichen Aufgaben von Morgen gerüstet zu sein

Der öffentliche Sektor muss dabei freilich nicht alles selbst betreiben. Aber er muss die Spielregeln festlegen und handlungsfähig bleiben. Denn am Ende geht es nicht nur um effiziente Systeme, sondern darum, ob der digitale Wandel demokratisch steuerbar, resilient und am Gemeinwohl orientiert ist.

Infrastruktur allein schafft noch keine Digitalität

Gerade im ländlichen Raum ist der Zugang zu leistungsfähigen Netzen noch immer ungleich verteilt. Diese digitale Kluft ist mehr als ein technisches Problem. Sie beeinflusst wirtschaftliche Entwicklung, Bildungschancen, Mobilität, Gesundheitsversorgung und gesellschaftliche Teilhabe.

Doch selbst eine flächendeckende Infrastruktur wäre noch keine digitale Transformation. Sie schafft zunächst nur die technische Voraussetzung. Ein Glasfaseranschluss entfaltet seinen Wert erst dann, wenn Menschen digitale Angebote verstehen, annehmen und sinnvoll nutzen können um deren Lebensqualität gut, räumlich ausgeglichen, individuell und fair gestalten zu können und nicht der Gefahr unterliegen „von der gesellschaftlichen Entwicklung abgehängt zu werden“.

Hier beginnt Digitalität: die Bereitschaft und Fähigkeit der Bürger:innen, digitale Technologien selbstbestimmt einzusetzen und den digitalen Wandel mitzugestalten. Dafür braucht es – neben den Geräte und der Bandbreite –  vor allem Vertrauen, Kompetenzen, Beteiligung und das Gefühl, mitgestaltender Teil dieser Entwicklung zu sein.

Die Datenfrage wird zur Zukunftsfrage

Mit der Digitalisierung öffentlicher Infrastruktur entstehen laufend neue Betriebs- und Steuerungsdaten. Wasserwerke, Verkehrsangebote, Energieversorgung, öffentliche Gebäude oder Systeme der Regionalplanung produzieren in Minutenintervallen Informationen, die für den täglichen Betrieb ebenso wichtig sind wie für den Krisenfall.

Doch oft ist erstaunlich wenig geklärt:

  • Wo werden diese Daten gespeichert?
  • Wer kann auf sie zugreifen und sie weiterverwenden?
  • Sind sie im Ernstfall tatsächlich verfügbar?
  • Und wer profitiert wirtschaftlich von ihrer Nutzung?

Viele dieser regional erzeugten Daten landen heute in externen Clouds und Rechenzentren. Damit fließen nicht nur Informationen aus der Region ab; oft wandert auch die daraus entstehende Wertschöpfung mit, während Gemeinden und öffentliche Einrichtungen weiterhin für Infrastruktur und Datenbereitstellung aufkommen.

Wenn wir über die Risiken digitaler Infrastrukturen sprechen, denken wir meist zuerst an ein Blackout. Mindestens ebenso heikel ist jedoch der Verlust des Wissens, der Steuerungsdaten für die eigene Infrastruktur.

Fehlen Geodaten, Leitungsinformationen oder aktuelle Steuerungsdaten über Betriebszustände (z.B. wie viel Trinkwasser ist noch im Hochbehälter vorhanden, wie viel Wasser schütten aktuell die Quellen, die verhalten sich die Wasserverbräuche der Bürger:innen und prognostiziert sich der Wasserhaushalt im Kontext der Wettervorhersagen für unsere Region, etc.), verliert der öffentliche Sektor im entscheidenden Moment seine Handlungsfähigkeit. Digitale Daseinsvorsorge braucht deshalb nicht nur Technik, sondern auch eine verlässliche Datenvorsorge.

Expertinnen- und Expertenforum „Digitale Gemeinde 2035“
Dieser Beitrag ist aus dem Vortrag von Oskar Januschke beim Expertinnen- und Expertenforum „Digitale Gemeinde 2035“ im Parlament entstanden. Im Bild v. l. n. r.: ORF-Moderator Franz Zeller, Oskar Januschke, Bundesratspräsident Markus Stotter, Zukunftsforscher Max Thinius, Regina Wiedl von der Gemeinde Neuhaus, Maria Rost vom Verband kommunaler Unternehmen und Ernst-Olav Ruhle von SBR-net Consulting.(c) Parlamentsdirektion

Datensouveränität & Resilienz

Datensouveränität heißt, selbst darüber entscheiden zu können, wo Daten gespeichert werden, wer sie nutzen darf, wofür sie eingesetzt werden und welche finanziellen Anteile der regionalen Gesellschaft aus der Datennutzung zustehen. Bei der digitalen Daseinsvorsorge betrifft das vor allem jene Daten, die durch öffentliche Infrastruktur oder mit öffentlichen Mitteln entstehen.

Das bedeutet nicht, diese Daten unter Verschluss zu halten. Im Gegenteil: Sie können für Wissenschaft, regionale Wirtschaft, Planung oder bessere öffentliche Leistungen wertvoll sein. Entscheidend ist, dass der öffentliche Sektor mitbestimmt, wer Zugang erhält, zu welchem Zweck die Daten verwendet werden und wie mögliche Erträge verteilt werden.

Eine mögliche Lösung sind regionale Datenräume und Public Data Center. Beides erfüllt unterschiedliche Aufgaben:

  • Der regionale Datenraum regelt, wie Daten gemeinsam genutzt werden.
  • Das Public Data Center stellt die technische Infrastruktur bereit, um Daten zu speichern und zu verarbeiten.

Im Datenraum wird also festgelegt, wer auf welche Informationen zugreifen darf, wie sie miteinander verknüpft werden und welche Anwendungen daraus entstehen können. Das Public Data Center in der Region kann dafür die öffentlich oder regional kontrollierte technische Grundlage bereitstellen.

Damit dieses Zusammenspiel funktioniert, braucht es eine klare Data-Governance. Sie legt fest, wer entscheidet, welche Regeln gelten und wie öffentliche und private Akteur:innen zusammenarbeiten.

Und noch etwas ist entscheidend: Resilienz. Nur wenn Regionen im Ernstfall auf ihre Betriebs- und Steuerungsdaten zugreifen können, bleiben sie handlungsfähig und können Energie, Mobilität oder andere kritische Infrastrukturen wirksam steuern.

Dabei sollte der Blick nicht nur auf Kosteneffizienz gerichtet sein. Mindestens ebenso wichtig ist die Frage nach der Wirkung: Tragen digitale Anwendungen tatsächlich zu Lebensqualität, Versorgungssicherheit und langfristiger Zukunftsfähigkeit bei?

Die Region als gemeinsame Handlungsebene

Datensouveränität gibt es nicht zum Nulltarif. Sie braucht zusätzliches Know-how, technische Infrastruktur und eine verlässliche Finanzierung. Viele Gemeinden können das allein kaum leisten, schon gar nicht auf Dauer.

Es braucht also Kooperation. Die regionale Ebene verbindet dabei Nähe mit der notwendigen Größe. Gemeinden können Kompetenzen, Infrastrukturen und Kosten über ihre Grenzen hinweg bündeln und gemeinsame Finanzierungs- und Betreibermodelle entwickeln.

Von einer kooperierenden Region kann man dann sprechen, wenn diese Zusammenarbeit verbindlich organisiert ist. Gemeinden, Infrastrukturträger, regionale Wirtschaft, Forschung und Bevölkerung übernehmen gemeinsam Verantwortung und entwickeln Lösungen, die nicht an Gemeindegrenzen enden.

Grundvoraussetzung dafür sind Vertrauen in regionale Steuerung und die Entwicklung und Stabilisierung einer Kooperationskultur auf Regionsebene, die nicht die Gemeindeautonomie untergräbt, sondern im Gegenteil in einer räumlichen Dimension die Entscheidungsautonomie und Zukunftsgestaltung nach den Bottom-up-Modell, also von „unten herauf“ absichert.

So entsteht zugleich ein Raum, in dem neue Modelle unter realen Bedingungen erprobt werden können. Genau das ist mit einem Reallabor gemeint: keine künstliche Testumgebung, sondern ein tatsächlicher Lebens- und Wirtschaftsraum, in dem Innovation praktisch erprobt, angepasst und weiterentwickelt wird.

Best Practices

Es gibt bereits Regionen, die sich als Modelle eigenen. Exemplarisch seien hier zwei hervorgehoben.

Bezirk Lienz: Infrastruktur in regionalem Eigentum

Wie regionale Kooperation praktisch funktionieren kann, zeigt der Bezirk Lienz. Ab 2013 wurde dort auf Grundlage des Breitbandmasterplans Tirol eine gemeinsame Breitbandinfrastruktur für 30 der 33 Gemeinden aufgebaut.

Es ging dabei um mehr als Glasfaser. Entscheidend war auch, wer Eigentümer der Infrastruktur ist, wer sie steuert und wohin mögliche Erträge fließen. Das Netz blieb im Eigentum der Planungsverbände und Gemeinden. Damit blieben Steuerung und Wertschöpfung in der Region.

Die wichtigsten Eckpunkte:

  • rund 103 Kilometer Glasfaser
  • ein Ausbaugrad von 84 Prozent
  • eine Anschlussrate von rund 41 Prozent
  • Eigentum und Steuerung bei Planungsverbänden und Gemeinden

Das Beispiel macht zugleich deutlich: Technische Verfügbarkeit allein genügt nicht. Die tatsächlichen Anschlussraten unterschieden sich von Gemeinde zu Gemeinde erheblich.

2021 wurde deshalb für 15 Gemeinden der Stadtregion Lienz ein digitales Zukunftsbild entwickelt. Damit weitete sich der Blick. Neben Netzen und Technik rückten auch digitale Dienste, digitale Lernorte, Co-Working-Angebote und der künftige Umgang mit regionalen Daten in den Fokus.

Aus einem Infrastrukturprojekt wurde so Schritt für Schritt eine umfassendere Auseinandersetzung mit der digitalen Zukunft der Region.

Internationales Beispiel: Toyota Woven City

Wie weit der Gedanke eines Reallabors reichen kann, zeigt die Woven City von Toyota am Fuß des Mount Fuji. Dort erproben Bewohner:innen, Unternehmen und Forschungseinrichtungen neue Technologien nicht im abgeschlossenen Testbetrieb, sondern im Alltag. Dazu gehören autonome Mobilität, Robotik, künstliche Intelligenz und Smart-Home-Anwendungen.

Die Woven City macht sichtbar, welches Potenzial entsteht, wenn Innovation unter realen Bedingungen entwickelt wird. Zugleich stellt sie eine grundsätzliche Frage: Müssen solche Reallabore von globalen Konzernen geschaffen werden?

Auch bestehende Städte und Regionen können zu solchen Erprobungsräumen werden. Vorausgesetzt, sie erhalten die nötigen Kompetenzen, Ressourcen und Handlungsspielräume. Dann entsteht Innovation nicht neben dem Alltag, sondern mitten in ihm.

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In einer kooperierenden Region lassen sich Wissen, Kompetenzen und Infrastruktur gemeinsam nutzen. Auch Wertschöpfung kann stärker vor Ort gehalten werden (c) Pexels – Usman Younas

Regionale Handlungsfähigkeit stärken

Regionale Kooperation schwächt kommunale Eigenständigkeit nicht. Im Gegenteil: Sie schafft dort neue Handlungsfähigkeit, wo Aufgaben längst über Gemeindegrenzen hinausreichen.

In einer kooperierenden Region lassen sich Wissen, Kompetenzen und Infrastruktur gemeinsam nutzen. Auch Wertschöpfung kann stärker vor Ort gehalten werden, statt mit Daten, Aufträgen und Know-how nach außen abzufließen.

Was dafür bislang fehlt, ist vor allem politisches Vertrauen. Regionen werden noch zu oft als Verwaltungsebenen oder Förderkulissen betrachtet. Dabei könnten sie weit mehr sein: aktive Gestalterinnen der digitalen Transformation. Dafür brauchen sie klare Zuständigkeiten, eigene Kompetenzen und ausreichende Handlungsspielräume.

Denn letztlich geht es um eine demokratiepolitische Entscheidung: Wollen Gemeinden und Regionen selbst mitbestimmen, wie ihre Betriebs- und Steuerungsdaten genutzt werden? Oder überlassen sie dieses Wissen, die daraus entstehende Wertschöpfung und damit einen Teil ihrer Handlungsfähigkeit externen Technologieanbietern und Konzernen?

 

Hier eine Video-Aufzeichnung des Expert:innenforums  „Digitale Gemeinde 2035“ vom 2. Juni 2026.

Oskar januschke (c) Lugger

Oskar Januschke

Experte für kommunale Standortentwicklung, integrierte Raumprozesse und die digitale Transformation von Gemeinden. Mit seiner langjährigen Praxiserfahrung als Geschäftsführer des Stadtmarketings Lienz sowie Lehrbeauftragter an diversen Hochschulen begleitet er Gemeinden, Regionen und Organisationen bei Zukunftsprozessen – von der strategischen Gemeindeentwicklung über die Digitale Gemeinde 2035 bis hin zu nachhaltigen Beteiligungs- und Transformationsprozessen.

Seine Vorträge verbinden Zukunftsvisionen mit Praxisnutzen und bieten Impulse für die digitale Transformation auf kommunaler Ebene. Oskar Januschke kann als Keynote-Speaker, Vortragender oder Berater für Veranstaltungen, Kongresse, Gemeinden und Organisationen gebucht werden.

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