Wie kommen mehr Studierende in die Stadt, Frau Pellert?
24.09.2026
Podcast

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Ada Pellert, Rektorin der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, spricht mit Inga Horny, Vorstandsmitglied von Stadtmarketing Austria, über eine Frage, die viele Universitätsstädte beschäftigt: Wie werden Studierende tatsächlich Teil des städtischen Lebens? Wie bringt man Studierende in die Stadt? Welche Ansätze können Stadtgestalter verfolgen? Welche Einflussfaktoren sind zu berücksichtigen?
Ein Austausch über die Wohnraumfrage, studentische Begegnungsorte, regionale Willkommenskultur und ein Studierendenleben, das heute ziemlich anders aussieht als noch vor einigen Jahren.
🎧 Das vollständige Gespräch ist in unserem Podcast Urban Insights zu hören, etwa hier auf Spotify oder auf Apple Podcasts.
Im Folgenden das Gespräch in Interviewform.
Inga Horny: Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, heute für mit uns über Studierende und Universitätsstädte sprechen. Was ist aus Ihrer Sicht eine funktionierende Studentenstadt?
Ada Pellert: Grundsätzlich: für Zentren wie Klagenfurt etwa ist festzuhalten, dass es ein Riesenglück ist, wenn eine Stadt von dieser Größe überhaupt eine Universität hat. Das ist keine Selbstverständlichkeit und zugleich ein wichtiger Standortfaktor. Woran man dann arbeiten muss: Wie integriert man Studierende in die Stadt? Wie empfindet man sich selbst als Universitätsstadt? Und da kreist sehr viel ums Wohnen, auch um Lokale, aber vor allem um das Bewusstsein: Ja, wir sind eine Universitätsstadt – und das ist uns wichtig.
Inga Horny: Wo dieses Bewusstsein “Wir sind eine Studierendenstadt” besonders ausgeprägt ist aus Ihrer Erfahrung?
Ada Pellert: Zunächst überall dort, wo ein großer Anteil der Bevölkerung aus Studierenden besteht. Es gibt Städte, in denen die Studierenden ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung stellen. Das flutet natürlich das ganze Stadtbild. Dennoch ist es wichtig, sich anzuschauen, dass Universitäten in ganz unterschiedlichen Umgebungen zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten gegründet wurden. Sie können die Universitätsstädte Oxford oder Heidelberg nicht vergleichen mit Städten, wo es Uni-Neugründungen in den 70er-Jahren gab. Auch das sind Universitätsstädte, aber andere, als wir im Kopf haben. Ich würde mir da mehr Fantasie für verschiedene Modelle wünschen.
Inga Horny: Haben die österreichischen Städte, die alte, ehrwürdige Universitäten haben, also einfach einen Vorteil gegenüber jenen mit Universitätsgründungen jüngeren Datums?
Ada Pellert: Auch Wien hat viele, teils alte Universitäten, aber die Studierendenstadt Wien wird aufgrund der Größe überlagert von so vielem anderen. Auf Graz trifft das schon eher zu, dort sind Studierende einfach ein großer Anteil der Bevölkerung. Ich glaube, es ist ganz wichtig ist zu sehen: wir sind ein wichtiger Standort für eine Universität. Und daraus folgt die Frage: Wie integrieren wir das in unsere Stadt und unser Selbstverständnis?

Inga Horny: Diese Integration ist für Stadtmarketing natürlich ein großes Thema. Wie kann man die Studierenden erreichen? Wie kann man Angebote schaffen, die sie interessieren? Studierende neigen ja eher dazu, rund um die Uni zu bleiben. Wie kann man sie aus dieser universitären Community rausholen in die Innenstädte?
Ada Pellert: Meine Standardantwort darauf ist immer Wohnraum. Wir haben einen großen Engpass beim studentischen Wohnen. Ich war total froh über den Vorstoß der letzten paar Kapuzinermönche in Klagenfurt, aus ihrem Kloster mitten in der Stadt ein Studentenwohnheim machen zu wollen. Das wird zwar auch nicht die Innenstadt mit Studierenden füllen. Aber es ist eine Initiative, von der wir viele brauchen. Auch die in der Stadt angesiedelte Gustav-Mahler-Privat-Universität legt Fokus auf innerstädtische Wohngelegenheiten. Ich freue mich da über jeden Impuls, denn übers Wohnen rennt einfach ganz viel. Es ist oft ein Problem, weil Studierende auf einen sehr teuren und angespannten Wohnungsmarkt treffen.
Inga Horny: Wobei heute doch auch sehr viel Lehrangebot online stattfindet. Das heißt, die Studierenden bleiben zuhause und gehen gar nicht mehr so oft auf die Uni wie frühere Generationen. Wird das so bleiben? Und wenn ja: Ist das gut?
Ada Pellert: Das gilt ja für die gesamte Gesellschaft. Es gehen auch weniger Leute abends fort. Hier hat sich gesamtgesellschaftlich etwas geändert, und ich glaube, es ist auch ein Thema von Angebot und Nachfrage. Da müssen wir – vor allem in Klagenfurt – hinschauen. Die Universität hat große Anstrengungen gemacht, viele Internationale zu holen. Die sind jetzt da. Nun müssen wir uns gemeinsam um sie kümmern, dafür brauchen wir Partner.
Als Uni machen wir viel, setzen auf Sprachvermittlung, denken uns Matching-Events mit Arbeitgebern aus. Wir wollen die Internationalen ja hier halten als Arbeitskräfte. Aber das ist kein Selbstläufer, sondern eine dauerhafte Anstrengung.

Inga Horny: Es gibt ja Welcome Days an vielen Universitäten, Groningen zum Beispiel macht das großartig. Wenn man als Studierender nach Groningen kommt, kriegt man gleich einmal ein Rad für die erste Woche. Man kann sich eine Stadtführung anschauen, alle möglichen Vereine kennen lernen. Wir fragen uns also: Was können wir tun, damit wir den Studierenden, die zu uns kommen, ein gutes Kennenlern-Angebot machen?
Ada Pellert: Wir haben ja auch die Welcome Days, sie sich sogar verpflichtend. Wir achten darauf, auf die Stadt aufmerksam zu machen, aufs Kultur- und Sportangebot, auf die Umgebung. Da kann man sich gut positionieren, aber man muss dranbleiben. Diese Vernetzung zwischen den Studierenden und der Stadt muss man immer wieder herstellen und laufend darüber nachdenken: Wo gibt es Begegnungsorte und wie bespielen wir die? Dazu braucht es Partner in der Stadt, in der Wirtschaft etc.
Inga Horny: Würden Sie sich da mehr Unterstützung von den einzelnen Abteilungen der Stadt wünschen?Von Kultureinrichtungen zum Beispiel?
Ada Pellert: Genau, so kann man das noch besser verzahnen. Wir hatten zuletzt eine Sitzung von der Kärntner Hochschulkonferenz und waren uns einig: Wir müssen noch mehr auf Synergien schauen. Jede Hochschule macht ja für sich genommen viel. Aber wie können wir das noch stärker sichtbar machen? Auch, was Partys und Events betrifft, auch an anderen Standorten. Hauptsache, es ist spannend für die Studierenden. Wir haben uns also vorgenommen, das stärker zu vernetzen.
Inga Horny: Das Thema bundeslandweit oder überhaupt in einem Netzwerk zu denken wäre sicher ein lohnender Ansatz.
Ada Pellert: Kooperationen gibt es auch mit den steirischen Hochschulen, wir denken uns gemeinsame Studienprogramme aus. Das ist eine gute Zukunftsrichtung. Gleichzeitig müssen wir natürlich unseren Standort attraktiv zu halten. Ein Asset – ich werde nicht müde, das zu erzählen – ist die Alpen-Adria-Geschichte.
Im Umkreis von 150 Kilometern habe ich ganz Europa in a Nutshell. Ich bin zutiefst überzeugt, dass das den Standort nochmal besonders attraktiv macht. Mein Traum ist ja immer, dass jede und jeder, der oder die hier studiert, eine Woche in Slowenien und eine Woche in Italien verbringen soll. Nicht als Urlaub, sondern als Fieldtrip, zum Kennenlernen von Kultureinrichtungen, für ein Praktikum oder ähnliches. Manche machen das bereits: Studierende von International Management machen zum Beispiel regelmäßig einen Fieldtrip nach Kroatien. Wenn man das noch koppeln könnte mit Wirtschaft, Wissenschaft, Politik: ideal!
Inga Horny: Also muss man Studieren heute wohl ganz anders denken? Früher hat man ein Auslandssemester gemacht, kam wieder zurück und hat das Studium abgeschlossen. Jetzt – durch die räumliche Nähe und die steigende Mobilität – wäre es realistisch, dass man eine Vorlesung in Ljubljana besucht und eine in Triest und eine in Graz. Ist das attraktiv für Studierende?
Ada Pellert: Ich glaube schon. Es stimmt, jede Generation studiert anders. Was früher Lokalbesuche waren, sind heute oft Spieleabende. Jede Generation hat eine andere Vorstellung von Studierendenleben. Wir haben aber unterschiedliche Gruppen an Studierenden. Zum einen viele Internationale, die die saubere, sichere Umgebung schätzen. Das ist ein Asset, genauso wie die vielen sportlichen Möglichkeiten, die wir haben. Mit dem müssen wir arbeiten.
Für die internationalen Studierenden ist es wichtig, an einem Campus sozialisiert zu werden mit anderen. Wir schauen darauf, dass wir möglichst viel in Präsenz hinkriegen. Zum anderen haben wir ganz viele Kärntner Studierende, häufig aus Familien, in denen sie die ersten sind die studieren. Deswegen haben wir Programme wie BeFirst, wo wir die auch begleiten. Sie sagen, hier kann ich mir das Studium leisten, ich kann nicht woanders hin. Und die treffen dann oft viele Internationale. Diese Vielfalt müssen wir gut managen.
Inga Horny: Weil sie gerade sagten: Jede Generationen studiert anders. In der Stadt gibt’s ja die Erwartungshaltung: Die müssen in die Innenstadt kommen und dort in die Lokale gehen. Wir lassen außer Acht, dass die Studierenden heute anders leben. Sie trinken nicht so viel Alkohol, chillen beim Spieleabend und sind meist sportlich. Für unsere Arbeit im Stadtmarketing heißt das, dass wir viel mehr darüber nachdenken müssen, wer die Studierenden heute sind und was sie brauchen. Und nicht von der Erwartungshaltung auszugehen, was wir damals gebraucht hätten.
Ada Pellert: Genauso ist es. Wir haben ein festgefrorenes Bild im Kopf. Genau hinzuschauen, was brauchen die Studierenden: Deswegen bin ich hier. Sie brauchen Sportmöglichkeiten, aber auch Wohnmöglichkeiten mit passenden Treffpunkten. Das beeinflusst auch, wie heutzutage ein Studierendenwohnheim geplant werden muss.
Ich war fast zehn Jahre in Hagen in Nordrhein-Westfalen. Dort ist die Fernuniversität, die ist aber sozuagen nur das Mutterschiff. Darüber hinaus gibt es 13 Standorte in ganz Deutschland. Hagen hat eine ähnliche Zeit der Gründung wie Klagenfurt, also in den 70er Jahren. Dort wurde immer gesagt: Da oben am Berg – obwohl es nur ein Hügel ist. Aber eben nicht im Stadtzentrum. Hier in Klagenfurt hört man immer: da draußen beim See. Ich denke, das ist das Schicksal der Neugründungen der 1970er Jahre. Sie verwandeln eine Stadt eben nicht einfach mal so in ein Kaliber a la Heidelberg.
Gleichzeitig muss man sagen, Klagenfurt wäre eine ganz andere Stadt, wenn da keine Uni wäre. Wer aller diese Universität nutzt, mit ihr Kontakt hat! Das ist eine wichtige Funktion der Uni für die Stadt und die ganze Region, aber eben etwas anderes, als dass die Lokale mit Studierenden voll sind. Auch das ist Stadtentwicklung.

Inga Horny: Heute gibt es Universitäten in vielen kleinen Städten, von Krems über Kufstein bis Kapfenberg. Ist es nicht doch notwendig, Fortbildungseinrichtungen vor allem in größere Städte zu platzieren? Oder braucht es einfach mehr Kooperation?
Ada Pellert: Natürlich ist eine Millionenstadt wie Wien eine attraktive Umgebung, bei Studierenden wie bei Wissenschaftlern. Und ja: das ist ein Standortfaktor. Aber ich kann an anderen Standorten mit bestimmten Punkten dagegenhalten.
Klagenfurt ist etwa ein super Ort für early career researchers. Wir achten darauf, dass wir Wissenschaftler aus der ganzen Welt adressieren, am besten in der Familienphase. Wir punkten mit interessanten Schwerpunkten, manches kann man nur hier studieren. Dass wir jetzt fast 40 Prozent Internationale haben, hat Gründe. Offensichtlich gibt es etwas, was sie interessiert.
Wenn es aber von der Stadt her noch viel kleiner wird – siehe den Fachhochschulsektor, dort war ja die Regionalentwicklung die Idee – muss man nachdenken, ob man alle diese Standorte als vollen Hochschulstandort braucht. Hier könnte das Modell Hagen taugen: Ein Mutterschiff mit allem drum und dran, Forschung Entwicklung etc. Und weiters mehrere Campus-Standorte. Dort können sich Studierende beraten lassen, es finden Veranstaltungen statt. Aber nicht das volle Programm.
Das muss man konzentrieren. Und trotzdem überlegen, in die Regionen zu wirken. Weil: Wir kriegen keine gute Entwicklung unserer Gesellschaft hin, wenn wir sie nicht koppeln mit Hochschulen. In der Bildung, in der Aus- und Weiterbildung, in Forschung und Entwicklung. Daher muss man das über das ganze Land streuen, möglichst viele müssen damit in Berührung kommen. Es können gar nicht genug Leute studieren, wenn wir Demokratie bewahren wollen, wenn wir Wirtschaft entwickeln wollen, wenn wir ein Hochtechnologieland sein wollen! Das ist heute Standortentwicklung.
In der Frage, ob wir zu viele oder zu wenige haben, muss man also aufpassen. Aber wir könnten das über Kooperationen sicher besser lösen. Ich glaube, der intelligenten Kooperation gehört die Zukunft. Dann ist es egal, ob man 50 Einrichtungen hat oder 70, der gemeinsame Output zählt.
Inga Horny: Ist es dann für Österreich ein Standortvorteil, dass wir 77 Hochschulen haben?
Ada Pellert: Fakt ist, dass die Rahmenbedingungen sehr auf Konkurrenz ausgerichtet sind. Beispiel Kärnten: Fachhochschule und Uni vertragen sich gut, aber wir werden beide danach finanziert, wie viele Studenten wir haben. Also zwingt man uns in die Konkurrenz. Wenn man mehr Kooperation will, muss man die Rahmenbedingungen anders gestalten, und zwar entlang der Frage: Was habe ich davon, wenn ich ein bestimmtes Angebot nicht mache? Dann könnte man mit dem Potenzial besser umgehen und Parallelaktivitäten beenden.

Inga Horny: Aber das ist eine Kulturfrage. Wir sind gewohnt in Konkurrenz zu agieren. Es müsste also ein kulturelles Umdenken geben in den Bewertungskriterien von Hochschuleinrichtungen.
Ada Pellert: Strukturell natürlich auch, der Wissenschaft-, Bildungs- und Forschungssektor ist schließlich ein ganz wichtiger Standortfaktor. Man muss laufend investieren, nicht nur einmal. Es gibt sehr lange Entwicklungszeiten. So wie wir beispielsweise derzeit AI und Robotics in Klagenfurt entwickeln, gemeinsam mit Joanneum Research. Ich schwöre Ihnen, das wird in Kärnten zu Arbeitsplätzen führen. Aber das ist nichts, was heute begonnen wird und morgen ist schon alles anders. Das braucht einen langen Atem.
Es klappt nur, wenn viele Bündnispartner erleben, was es für sie, für ihre Firmen bringt. Wir müssen da richtig reinarbeiten in die Gesellschaft. Alle sollen verstehen – und die Unis müssen das auch beweisen – dass der universitäre Bereich wirklich großen Impact hat auf die Entwicklungsmöglichkeiten einer Stadt und einer Region.
Inga Horny: Wie kann man Studierende und Wirtschaft also besser verzahnen? Die Sprachhürde, etwa zwischen internationalen Studierenden und heimischen Betrieben, ist sicherlich real. Gibt es noch andere Themen, die wichtig sind, damit man profitieren kann vom Uni-Standort?
Ada Pellert: Das Sprachenthema das ist mehrfach wichtig, wir identifizieren es auch immer mehr und überlegen, wie wir auch Deutsch besser direkt ins Curriculum integrieren. Sicher, bei den Internationalen wäre natürlich Arbeitssprache Englisch wünschenswert. Aber wenn sie hier am Arbeitsmarkt landen wollen, müssen sie Deutsch können. Und nicht nur das.
Wir haben zum Beispiel mit der Universität Venedig und dem Kammerpräsidenten von Veneto einen Workshop gemacht zur Frage, wie wir Wirtschaft und Wissenschaft des Veneto und Kärntens besser zusammenführen können. Auch da sind wir über das Sprachproblem gestolpert – weil der Veneto ist eine prosperierende 5-Millionen-Umgebung, ein hochspannender Arbeitsmarkt, aber da erwarten alle italienisch.
Vielleicht sollten wir das in einem Sprachenzentrum bündeln. Auch wenn die KI bei Sprachbarrieren viel Druck rausnehmen kann: Eine Sprache lernt man auch immer im Kontext einer Kultur. Und während des Studiums geht das ja noch relativ easy.
Inga Horny: Abschließend: Was wünschen Sie sich von uns für die Studierenden oder für die Universitäten in den anderen Standorten?
Ada Pellert: Gerade für unsere vielen internationalen Studierenden brauchen wir quer durch alle Ebenen und Institutionen mehr Willkommenskultur. Wir müssen uns nicht nur als Uni, sondern auch als Stadt und Region fragen: Wie können wir die abholen und vernetzen? Hier gemeinsam aktiv zu werden täte der Stadt genauso gut wie den Studierenden. Denn wenn man sich die Demografie anschaut, ist klar: Je mehr hier bleiben, desto besser wäre das auch für uns.
Inga Horny: Frau Pellert, vielen Dank für dieses spannende Gespräch!
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