Baden wird zur Stadt der Bildsprache

31.07.2018
Kultur

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Die meist verstandene Sprache der Welt ist die Bildsprache. Sie überwindet kulturelle Gräben und ermöglicht eine zwischenmenschliche Verständigung. Bilder reduzieren die Komplexität einer unterliegenden Botschaft und liefern Kernaussagen auf einen Blick.

 

Die Erschaffer der Bildsprache, FotografInnen, sind vieles: Beobachter, Analysten, Philosophen, Schriftsteller und Sammler. Sie katalogisieren ihre Bilder, machen Notizen, vervielfältigen Beobachtungen der Welt. Und sie laden die Betrachter ihrer visuellen Geschichten auf Reisen ein, die im Kopf stattfinden.

 

Der niederösterreichische Kurort Baden hat sich Anfang Juni ganz der Bildsprache verschrieben. Und wurde sofort weltbekannt.

 

Wie alles begann

Ortswechsel. Es war einmal ein junger, tüchtiger Mann, der in der Bretagne begann ein kleines, feines Kosmetikgeschäft aufzubauen. Yves Rocher gelang es, mit seinen biologischen Produkten und einem intelligenten Vertrieb eine Weltmarke zu schaffen. Das Unternehmen ist immer noch in der Nähe des Dorfes La Gacilly angesiedelt. Jacques Rocher, einer der Söhne von Yves Rocher, ist schon lange Bürgermeister seines Geburtsortes.

 

Jacques Rocher rief 2004 in La Gacilly ein Fotofestival ins Leben, das dem Thema Mensch und Umwelt gewidmet ist. Man munkelt, Jacques Rocher habe die Fotokunst gewählt, um seiner Bevölkerung zu zeigen, wie schön die Welt ist. Die Fotos geben schöne wie kritische Erzählungen wieder. Der emotionale Impact bei den Menschen, die sich die Ausstellung anschauen, sei enorm.

Foto-Festival in Gacilly. Copyright: NASA (links) und Festival Peuple nature (rechts).jpg

 

 

Jährliche Pilgerreise von Fotonerds

Dass Rocher den Nerv der Zeit traf, bezeugen jährlich 400.000 Menschen, die ins kleine bretannische Dorf La Gacilly pilgern. Der öffentliche Raum wird zum Szenenbild für ein Gesamtkunstwerk der besten FotografInnen der Welt – von Brent Stirton bis Elliott Erwitt, von Seydou Keïta bis Omar Victor Diop.

 

Gacilly goes Baden

Nach Baden wurde das Festival vom Fotografen und Verleger Lois Lammerhuber gebracht. „Warum?“, fragen wir ihn im Interview. „Weil es möglich war.“, antwortet Lammerhuber knapp und lacht. „Es war eine Spontanentscheidung. Als ich das Festival zum ersten Mal in La Gacilly durchwandert bin, dachte ich: Dieser Ort sieht aus wie Baden. Das Grünland, die Stadtmauern, der Park, die Anordnung der Häuser.“

 

Lammerhuber fährt fort: „Plötzlich sitze ich neben Jacques Rocher im Festivalzelt und sage zu ihm: Du kennst die Art Basel Miami. Du kennst das Fotofestival in Arles. Aber Du kennst noch nicht La Gacilly Baden. Da schaut mich Rocher an und meint trocken: Wo ist denn Baden? Dann haben wir darüber besprochen, wie das gehen könnte, die Bilder in La Gacilly abzuhängen und nach Baden zu transportieren.“

 

La Gacilly hat sich zu einem der größten und hochkarätigsten Fotofestivals Europas entwickelt. Dabei ist das 2.000-Seelen Dorf kein optischer Augenschmaus. Lammerhuber: „La Gacilly liegt dort in Frankreich, wo man nicht auf Urlaub hinfährt. Da schaut’s aus wie im Tullnerfeld.“ Trotz unattraktiver Lage zieht das Outdoor-Festival Fotografie-Interessierte aus aller Welt an.

 

Lammerhuber beschreibt die größte Herausforderung des Projektes. Es galt, Rocher von Baden als Austragungsort zu überzeugen. Inzwischen ist Jacques Rocher ein guter Freund geworden, sagt Lammerhuber. Ohne Beziehungen und Lammerhubers großartiges Team in Baden wäre das Festival nicht entstanden. Die Gründung des Festivals träge eine große Portion Idealismus und Hartnäckigkeit in sich.

 

Baden wurde bis 2022 als zweites Standbein des Festivals von La Gacilly verhandelt. Lammerhuber hofft nun, dass Baden zu einem Treffpunkt für europäische Fotografie wird.

 

Copyright: Gerd Ludwig

 

I love Africa

Die Bilder, die in Baden zu sehen sind, stammen einerseits aus afrikanischen Portraitstudios und erzählen von den Träumen der Menschen, die südlich der Sahara zu Hause sind. Gezeigt werden unter anderem Portraitfotos von Seydou Keita, einem Fotografiekünstler aus Mali.

 

Keita gilt neben Malick Sidibé als einer der bedeutendsten Fotografen Afrikas. Er ist vor allem für seine Porträts von Menschen und Familien bekannt, die er zwischen 1940 und Anfang der sechziger Jahre aufnahm. Keïta war ein Autodidakt. Seine Bilder dokumentieren die malische Gesellschaft und sind international als Kunstwerke anerkannt.

 

Copyright: Seydou Keita

 

Zum anderen berichten Langzeit-Reportagen von den berührenden und überraschenden Beziehungen zwischen Mensch und Tier. Dabei wird Afrika unter dem Festivalthema „I love Africa“ in all seinen Facetten dargestellt – von den schönen, farbenfrohen Seiten bis zu den Auswirkungen von Umweltschäden und Wilderei.

 

Zu sehen sind dabei in einer vier Kilometer langen Open Air Galerie rund 2.000 Bilder der besten FotografInnen der Welt, in der Gartenkunst und Fotokunst verschmelzen. Der Unterschied zu anderen Fotofestivals: Die Fotografien hängen eben nicht in Galerien, Museen oder der lokalen Sparkasse. Sie sind auf öffentlichen Plätzen aufgestellt, zieren Hausfassaden, säumen Parkanlagen und schwimmen im Teich.

 

Copyright: NOEN (Fussi) – Lois Lammerhuber (links), Sylvia Lammerhuber (Mitte), Badener Bürgermeister Stefan Szirucsek (rechts)

 

Aufmerksamkeit schaffen

Die Aufmerksamkeit der heimischen wie internationalen BesucherInnen am Eröffnungstag galt nicht der Biedermeierdekoration im Schaufenster der Konditorei Ullmann in der Pelz-Gasse, sondern einem überdimensional großen Löwen, der an der Hauswand hängt.

Die Fotografie stammt von Paras Chandaria aus Nairobi, der den BesucherInnen von den Umständen in seiner Heimat berichtete.

 

Copyright: Lois Lammerhuber

 

Die riesigen Alu-Dibond Platten werden in recht außergewöhnlichen Orten der Stadt so platziert, dass man einen 4-stündigen Rundgang durch Baden macht und ‚die Stadt mit neuen Augen sieht‘, wie es eine Dame in ihrem Email an Lois Lammerhuber beschreibt.

 

Copyright: Lois Lammerhuber

 

Auf Reibung folgt Diskurs

Die Platzierung von schockierenden Bildern im öffentlichen Raum stellt auch eine Herausforderung für die OrganisatorInnen dar. Das Festival ruft zum Teil Kopfschütteln und Unverständnis hervor. Reibung sei gut, sie forme die Köpfe der Menschen, leite sie zu neuem Denken an, meint Lammerhuber in einem NZZ-Interview.

 

Copyright: Brent Stirton

 

Der politische Reiz

Der Reiz des ‚doppelten Festivals‘ findet sich in der Position der beiden Gemeinden. Das Dorf La Gacilly liegt nahe der Atlantikküste, also am westlichen Rand der einst bekannten Welt, die Kurstadt Baden bei Wien nahe dem Eisernen Vorhang an der östlichen Grenze der einst freien Welt.

 

Kann Baden als Vorbild für die Austragung von Kulturfestivals in anderen Städten Österreichs stehen? Lammerhuber antwortet: „Wenn es mehr Fotofestivals in Österreich gäbe, wäre das toll. Man braucht ein paar ‚Wahnsinnige’, die aufeinander treffen und das wirklich wollen. Man braucht viele Genehmigungen, öffentliche Flächen, Marketing, Einladungen, Sponsorgespräche, Koordination, Verträge, Anwälte, Buchhalter, Administration und so weiter – trotz der Aussicht, dass der finanzielle Input gering ist. Es ist extrem viel Arbeit, aber es ist gleichzeitig toll und erfüllend. Das positive Feedback der Badener berührt uns sehr und bei den bedeutendsten Fotofestivals Europas sind wir derzeit der ‚talk of town‘.“

 

Das Hauptziel des Initiators des Foto-Festivals ist es, den FotografInnen eine Plattform zu geben. Hauptziel für die Stadt ist es, ein Touristenmagnet zu sein. Hauptziel für den Bürgermeister, wiedergewählt zu werden.

 

Fotofestivals sind nicht der Nabel der Welt, stellen aber wichtige Treffen der Fotografieszene dar. Junge FotografInnen können beispielsweise an Portfolio-Reviews und Workshops teilnehmen. Professionelle FotografInnen und KünstlerInnen treffen GaleristInnen, VerlegerInnen, SammlerInnen, ChefredakteurInnen und KuratorInnen, vernetzen sich und entwickeln Ideen für neue Projekte.

 

Was lernen wir aus dieser Geschichte?

Lois Lammerhuber hat es wieder einmal vorgemacht. Der Mann hat eine Idee, spricht sie aus und setzt sie um. Es geht nicht um das Nachmachen eines Foto-Festivals. Es geht um das ‚Tun‘.

 

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Daniela Krautsack

Ausgebildete Media-Strategin und Media-Managerin, Trendforscherin

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