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Unsere heutige Baukunst ist verkommen oder – Das Leben, ein Sparbuch | Teil 2

15. Januar 2018Von Michael Kerbler
Kunsthaus Bregenz, Foto: Matthias Weissengruber © Kunsthaus Bregenz / Architekt Peter Zumthor
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Eine Fortsetzung des Blogbeitrags zum Thema Baukunst vom 9. Jänner 2018.

Auch BürgermeisterInnen sind nicht davor gefeit, das Leben „als Sparbuch“ zu betrachten. Vor allem dann, wenn es um die Finanzen ihrer Gemeinde geht.

Angesichts des Konkurrenzkampfs der Gemeinden untereinander um Standort- und damit um Wettbewerbsvorteile, verlieren selbst Parlamentsbeschlüsse an Bedeutung.

Ein Beispiel: statt der im Jahr 2002 vom Parlament beschlossenen Limitierung der täglichen Bodenversiegelung in Österreich auf 2,5 Hektar werden mittlerweile pro Tag der Natur 17 Hektar entzogen, sprich zubetoniert, planiert, umgenutzt.

Motor dieses europaweiten Negativrekords Österreichs ist die Praxis der Flächenumwidmung der Gemeinden. Den Ortschefs geht es darum, möglichst viele Abgaben und Gebühreneinnahmen für die Gemeinde zu kassieren. Ob von der Diskonterkette, die eine Filiale errichten will oder mithilfe eines Immobilienentwicklers – Stichwort neue Appartements für TouristInnen –, von begehrlichen ZweitwohnsitzeigentümerInnen oder von KleininvestorInnen in Immobilien, denen – jüngstes Beispiel Maria Alm – 7 Prozent Rendite p.a. versprochen werden.

Flächenumwidmung der Gemeinden

Begründet wird die Flächenumwidmung nur zu oft mit der Notwendigkeit leistbare Wohnungen schaffen zu wollen, um die jungen einheimischen OrtsbewohnerInnen in der Gemeinde zu halten. Gleichzeitig wird durch die Genehmigung, am Ortsrand Einkaufszentren zu schaffen, die historisch gewachsene Ortsmitte entkernt und damit das soziale Leben und langfristig der Zusammenhalt der Gemeinschaft geschwächt.

Der begleitende Nebeneffekt: auf die Bauästhetik wird kaum noch geachtet. Gelebt wird – Stichwort: Arbeitsmobilität – in vielen Orten ohnedies nur noch am Wochenende. Das Ortsbild verkommt und wird wenig genutzt, weil es unattraktiv wurde.

Die Folge: Raum, der seine Geschichte verliert, der keine Geschichte mehr erzählt, wird hässlich.

Hässlichkeit ist also kein rein äußerliches Phänomen, sondern hängt stark mit der Nutzung zusammen. Yona Friedman, der große französische Architekt, mahnt mit seinem Satz „Raum ist eine funktionale Substanz des Lebens“, mit Grund und Boden schonend umzugehen. Er macht uns zugleich darauf aufmerksam, dass wir zwar in Häusern wohnen, aber zwischen diesen Häusern – im öffentlichen Raum – leben.

Wie kann man den Ortschefs den Druck nehmen, der auf ihnen lastet, weil die örtliche(n) Baufirmen Aufträge erwarten, Hotellerie und Gastronomie oft auf „Mehr vom Selben“ setzen und damit den ruinösen Bettenüberhang in Österreich weiter vergrößern?

Oder weil der örtliche Sparkassenleiter, angetan vom Plan eines Immobilienentwicklers ein luxuriöses Feriendomizil für reiche (arabische, russische, chinesische, etc.) KundInnen zu errichten, schon zum dritten Mal vorstellig wird, weil er die Finanzierung dafür anbieten möchte.

Wie also den Bürgermeistern den Druck nehmen?

 

Distanz reduziert Korrumpierbarkeitschancen

Eigentlich gibt es dafür ein schon lang recht erfolgreich praktiziertes Reglement.

Man schaffe Distanz.

PolizistInnen führen schon lange nicht mehr Alkoholkontrollen in ihrer Heimatgemeinde durch. Das ist ganz vernünftig, denn damit kommt niemand in Versuchung, den Freund, mit dem man in der Fußballmannschaft spielt oder in der Freiwilligen Feuerwehr zusammenarbeitet, straflos ziehen zu lassen oder ihn anders zu behandeln, als andere VerkehrsteilnehmerInnen.

Eine solche Distanz, geschaffen zwischen Behörde und Bevölkerung, wäre auch bei Bauvorhaben angesagt. Dann kann einem Bürgermeister als oberster Bauinstanz weder Parteinahme nachgesagt werden. Noch kann es ihm wiederfahren, einen lieben Freund aus dem Ort zu verprellen. Es ist die fehlende Distanz, die es zu beseitigen gilt.

Nur dann, wenn eine Instanz geschaffen wird, mit der man nicht am Abend gemeinsam beim Dorfwirt sitzt, wird die Wahrscheinlichkeit der Korrumpierbarkeit reduziert. Gleichzeitig aber – so die Hoffnung – wächst die Wahrscheinlichkeit, dass auch Kriterien zur Qualitätssicherung guter Architektur nicht mehr unterlaufen, sondern durchgesetzt werden.

Weil es dann vielleicht mehr als die peinlich wenigen fünfzig Gestaltungsbeiräte in den 2.100 österreichischen Gemeinden gibt, die der Gemeinde mit architektonischem Rat zur Seite stehen.

 

Schafft Identität. Der Baukunst Ihre Zeit.

Weil es dann vielleicht noch mehr Gemeinden, wie zum Beispiel die Vorarlberger Gemeinde Zwischenwasser, gibt, die sich verbindliche Leitlinien gegeben hat, wie sich der Ort weiterentwickeln soll. Etwa als langfristige Strategie gegen Zersiedelung, Verdichtung vor Neuwidmen zu stellen. Oder die Neuwidmung nur unter Auflagen vorzunehmen.

Die kleinstrukturierte Bauweise fortzuführen. Eine aktive Boden- und Sozialpolitik für Wohnraumschaffung zu betreiben. Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen in der Ortsmitte zu fördern. Generell die soziale Infrastruktur zu verdichten und Aktivitäten ins Zentrum zu holen, um den sozialen Zusammenhalt stärken.

Solche Politik schafft Identität in dem Ort, in dem ich zuhause bin. Identität ist der größte Feind der Beliebigkeit. Identität lässt sich auch vom Baustil, von Fassaden, vom gestalteten Zwischenraum ablesen. Und Identität trägt auf Dauer mit Sicherheit dazu bei, dass – was Architektur angeht – die kognitive, emotionale, soziale und sinnliche Intelligenz der BenutzerInnen stimuliert und geweckt wird.

Und deshalb Architektur wieder zur Baukunst wird. Nicht mehr verkommt, nicht mehr geschmacklos und unbrauchbar ist. Und damit letztlich in hohem und höchsten Maße menschenfreundlich wird. Thomas Bernhard zum Trotz.

 

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Michael Kerbler

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