Ars Electronica 2019: Technische Kreativität

10.09.2019
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Das Ars Electronica Festival in Linz widmete sich heuer der Midlife-Crisis des digitalen Zeitalters. Künstliche Intelligenz, die Zukunft des menschlichen Körpers, virtuelle Realität, Debatten über „Fake News“ und Klimaschutz standen im Vordergrund.

 

Anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Ars Electronica wurde ein Rückblick über die Entwicklung einer Institution geboten, die sich von einem „Treffpunkt für Freaks“ (O-Ton Peter Weibel) im Jahr 1979 zu einem verantwortungsbewussten Kulturfestival und globalen Welterfolg entwickelt hat.

Das Festival setzt sich für die Bedeutung der Künste in technologischen und industriellen Zusammenhängen ein und bietet unzählige Möglichkeiten für Gespräche, Inszenierungen, Installationen und Vorträge.

Mehr als 500 Events fanden an den fünf Festivaltagen statt, mehr als 1400 Künstler und Vortragende reisten an. Rund 250 Führungen von gut geschulten, menschlichen Wegweisern leuchteten durch den Programmdschungel. Der Programmkatalog ist ‚schwerer als ein Ziegelstein‘, meinte ein Journalist und ob des Umfangs eher als Nachschlagewerk anstelle eines Begleitwerks während des Festivals zu verstehen.

 

Robotika, der Nannybot – von Joaqun Fargas

 

Ein Festival als Imagebooster

„Wir sind das größte und wichtigste Event-Festival im Bereich digitaler Kultur in Europa“, sagt Gerfried Stocker, der seit 1995 künstlerischer Leiter des Festivals ist. Was Linz mit der Ars Electronica habe sei ‚einzigartig‘, meint auch Bundespräsident Alexander van der Bellen beim Besuch des Festivals. Die Ars Electronica habe den Imagewandel der Stadt Linz von der Industriestadt zur Technologie- und Kulturmetropole maßgeblich gefördert.

Es ist seit langem nicht nur ein Zusammentreffen von Intellektuellen, Philosophen und Wissenschaftlern. Wer sich unter die Teilnehmer mischt, sieht Enkel, die mit Großeltern am Laserdrucker stehen und am Coding Tisch Clown-Taferl mit bunt blinkenden LED Nasen löten.

 

Funguage Room / Open Futurelab, Copyright: Vanessa Graf

Woher wissen, was die Zukunft bringt?

Gerfried Stocker erklärt: „Wir gehen nicht davon aus, dass es irgendwo die Wunderwuzzis gibt, die sagen, dass dies oder jenes in 5 oder 10 Jahren passieren wird. Wir haben aber viele Instrumente entwickelt, mit denen wir auf die weltweite Community derer schauen, die mit künstlerischen Mitteln hinter die Kulissen von Entwicklungen schauen.

Denen hören wir zu und schauen genau hin. Dann vergleichen wir das mit den Dingen, die gerade gesellschaftlich relevant sind. Diese werden dann beim Festival präsentiert.“

 

Die Stadtplanung der Zukunft beginnt jetzt

Dass Big Data und Bürgerbeteiligung zur Sicherstellung der Koexistenz zwischen Wirtschaftstätigkeit und Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger dienen können, hat das diesjährige STARTS Prize Gewinnerprojekt gezeigt, das im Rahmen des Ars Electronica Festivals vorgestellt wurde.

In der Kategorie ‚Innovative Collaboration‘ wurde der Grand Prize an die Stadtplaner von 300.000 km/s und das Projekt Ciutat Vella’s Land-use Plan aus Barcelona vergeben. Das Projekt verkörpert eine neue Art der Stadtplanung.

Angetrieben von massiven Informationsmengen (Open Data und Big Data) und durch qualitative Daten aus der Bürgerbeteiligung ergänzt, werden neuartige Methoden der räumlichen Analyse angewandt.

Diese basieren auf maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz, um eine öffentliche Ordnung zu informieren, zu simulieren und zu entwerfen. Der Schwerpunkt dieser Ordnung wird dabei auf die Erhaltung der Lebensqualität in Städten gelegt.

 

Copyright: 300.000 km/s

 

4 Phasen zum Glück

Der Einsatz von Technologie hat den bestehenden Masterplan, der öffentliche Einrichtungen, Lebensmittelgeschäfte und touristische Dienstleistungen im zentralen Stadtteil Barcelonas regelt, grundlegend verändert. Das Gebiet hat eine dichte Bevölkerung, die in einer Tourismuszone lebt.

Diese weist eine hohe Quote an wirtschaftlichen Aktivitäten – spezialisiert auf Freizeitangebote – auf, die negative Auswirkungen auf die Lebensqualität der Bewohner haben. Etwa Lärm, Verschmutzung, hohes Verkehrsaufkommen und eine zunehmende Logistik.

Angesichts der Komplexität der Aufgabe hat das Projekt vier Phasen durchlaufen, von denen jede ihr eigenes Ergebnis lieferte. Forschung (datengetriebene Diagnose), Ko-Kreation (Bürgerbeteiligung), Vorschlag (Simulationstool) und Genehmigung (Rechtsrahmen).

Die Forschungsphase begann im Oktober 2016 mit der Erstellung von vier Vorstudien vor Beginn des Entwurfsprozesses (April 2017) über die Beschreibung des städtischen Gefüges (Datenatlas), die Auswirkungen nächtlicher Aktivitäten auf die Gesundheit sowie die touristischen Trends und deren Auswirkungen auf den lokalen Handel.

Datenatlas

Der Datenatlas veranschaulicht und misst erstmals die physischen und soziodemografischen Merkmale des städtischen Gefüges. Die Art und Sättigung der wirtschaftlichen Aktivitäten sowie die Wege der Bürger und Besucher in der Nachbarschaft. Er beschreibt auch die Auswirkungen auf die Gesundheit der Bewohner (verursacht durch Lärm, Umweltverschmutzung oder Verletzlichkeit der Bewohner).

 

Copyright: 300.000 km/s

 

Die Ko-Kreationsphase und die vorangegangene Diagnose haben dank eines partizipativen Prozesses und der politischen Einbindung des Stadtrats, der den Plan mit verfasste, einen breiten Konsens erzielt. Einzelhändler und Nachbarn arbeiteten zusammen in Workshops.

Es fanden öffentliche Veranstaltungen statt und es wurden Interviews mit ausgewählten Akteuren geführt. All jene, die an den Events nicht teilnehmen konnten, wurden über die digitale Demokratieplattform Decidim.barcelona des Stadtrats eingeladen abzustimmen oder ihre Meinung zu äußern.

Die Bürger waren an einem massiven Datenerhebungsprozess beteiligt, der sie befähigt, Entscheidungen auf lokaler Ebene zu treffen. Auf der Seite der öffentlichen Stellen schlägt das Projekt ein System zur Information und Bewertung der Stadtplanung und -politik auf europäischer Ebene vor. Das liefert eine gemeinsame Grundlage, damit zwischen den Städten Wissen ausgetauscht und verglichen werden kann.

Parallel zum Beteiligungsprozess basierte die Antragsphase auf einem Modell der wirtschaftlichen Aktivitäten, das städtische Auswirkungen wie Lärm, Polizeibeschwerden und soziale Verwundbarkeit maß und antizipierte. Dies führte zur Entwicklung eines Masterplans.

 

Das Resultat

Die Stadtverwaltung wendet den Masterplan mit Hilfe einer Software an, die auf den regulatorischen Parametern basiert und Transparenz schafft sowie den Prozess der Unternehmensgründung einfacher, schneller und zuverlässiger macht.

Als Ergebnis dieses zweijährigen Prozesses betont das Projekt die Rolle der Stadtplanung als Instrument, um die Stadt als Gemeinschaftsgut über den freien Markt zu stellen.

Die Projektinitiatoren sagen, dass wir in einer wachsenden urbanen Welt sicherstellen müssen, dass die europäischen Städte in der Lage sind, das Recht auf Lebensqualität in der Stadt zu garantieren. D.h. das Recht der Bürger auf Gesundheit, Arbeit, Unterkunft und Freizeit, sowie die Möglichkeit, ein erfülltes Leben im Einklang mit der Wirtschaftstätigkeit zu führen.

 

Wer steht hinter dem Projekt?

Hauptautoren des Masterplans sind Mar Santamaria und Pablo Martínez von 300.000 km/s. Das ist ein urbanes Innovationsbüro mit Sitz in Barcelona, das die Potenziale von Daten und neuen Berechnungsparadigmen untersucht. Ziele sind die Gewinnung relevanter Informationen und die Verbesserung von Stadtplanung und Entscheidungsprozessen.

Das Team besteht aus Stadtplanern, Rechtsanwälten, politischen Führungskräften, Forschern und Vermittlern der Bürgerbeteiligung.

 

Die Präsentation des Projektes interessierte Jung und Alt. Rechts davon die Initiatoren des prämierten Projektes Mar Santamaria und Pablo Martínez von 300.000 km/s – Foto Daniela Krautsack

 

Ein weiteres erwähnenswertes Projekt wurde mit einem Grand Prize in der Kategorie Artistic Exploration ausgezeichnet:

 

Project Alias (Bjørn Karmann und Tore Knudsen)

Viele Bereiche unseres privaten und sozialen Lebens werden heute beispielsweise durch neue Technologien der Identifikation, Überwachung, Analyse und Kontrolle verändert. Karmanns und Knudsens pilzartig aussehendes Gerät funktioniert wie ein Parasit. Es stellt eine poetische und gleichzeitig konkrete DIY-Intervention dar, die es jedem erlaubt, seinen intelligenten Sprachassistenten zu Hause weniger invasiv zu machen.

Project Alias veranschaulicht, wie zeitgemäße Technologien – in diesem Fall intelligente Assistenten – erfordern, dass wir uns den Bedingungen großer Konzerne hingeben. Der Benutzer wird vom Sprachassistenten verwendet, um Daten über unser Privatleben und unsere Umwelt zu sammeln.

Das Medium ist in der Tat die Botschaft, wie McLuhan zu sagen pflegte. Wir, die Nutzer und unsere privaten Daten, werden zunehmend, und in einigen Fällen unbeabsichtigt, zum Inhalt dieser Botschaft.

Der Käufer als Werbemittel

Karmann erklärt, woher die Motivation zur Produktentwicklung kam: „Ich habe einen Google Home-Assistenten gewonnen. Es störte mich aber rasch, dass ich die ganze Zeit ‚OK Google‘ sagen musste. Ich fühlte mich wie eine Werbetafel in meinem eigenen Haus. Die Sorge, dass meine Gesprächen auch bei Nicht-Verwendung des Sprachassistenten aufgenommen werden, war ebenfalls unangenehm. Tore und ich haben also ein Gerät entwickelt, das die Privatsphäre schützt, aber nicht in die bestehende Hardware des Gerätes eingreift.“

Weißes Rauschen verhindert Abhören durch Großkonzerne

Project Alias bietet die Möglichkeit, diese Machtverhältnisse auf den Kopf zu stellen. Das Gerät erzeugt daher ein weißes Rauschen, um den Lautsprecher daran zu hindern, ständig zuzuhören, oder ihm beizubringen, unsere Stimme zu erkennen, um zum Schutz unserer Privatsphäre beizutragen.

 

Ars Electronica 2019
Die Project Alias Initiatoren Bjørn Karmann and Tore Knudsen. Rechts der ‚Störer‘ – Copyright: Daniela Krautsack

 

Project Alias haucht der Metapher des Parasiten neues Leben ein, indem es ihn zu einem anwendbaren politischen Werkzeug macht. Ein technologischer „Wirt“ wie Google Home wird schließlich überfallen, um seine Operationsweise zu ändern und seine Beziehungen zu seiner Umgebung zu beeinflussen.

Der Alias erinnert übrigens an Szenen aus Mafiafilmen der letzten Jahrzehnte, in denen überwachte Gangsterbosse die Stereoanlage auf maximale Lautstärke drehen. Nur so kann die Aufnahme ihrer Gespräche verhindert werden.

Project Alias will die Branche auffordern, sich auf die Möglichkeit solcher Störungsquellen einzustellen. Produkte wie Alias sollen uns schließlich Transparenz und Kontrolle über unsere eigenen technologischen Umgebungen verschaffen.

Karmanns und Knudsen wollen ‚Alias‘ nicht vermarkten, sondern nur Möglichkeiten aufzeigen: „Jeder kann so einen Störer bauen. Die Pläne, die wir veröffentlicht haben, sind open source.“

 

Das nächste Festival steht an

Von 23. September bis 4. Oktober findet übrigens das Festival „Science meets Fiction“ in Salzburg statt. Hier finden Sie das Programm zum Download. Im Rahmen des Festivals gibt es außerdem eine Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit der Ars Electronica entstand.

 

Das Schlusswort

Nach der Ars ist vor der Ars. Auch wenn am Montag Abend die Festival-Tore schlossen, geht die Reise in die Zukunft weiter. Etwa beim Besuch der neu gestalteten Ausstellungen im Ars Electronica Center.

“Man muss (wohl nach Linz) reisen, um zu lernen.“ – Mark Twain

 

Ars Electronica 2019

 

Gerfried Stocker – https://www.bleisaetze.de/

Geben wir die Kreativität aus der Hand, wenn die Maschine Musik erschafft?

Dazu haben wir im Rahmen der Pressekonferenz zur Ars Electronica 2019 Gerfried Stocker befragt, der so antwortet:

„Wo passiert das Einmalige? Ist es unsere idealisierte romantische Vorstellung vom Schöpfergenie, weil wir noch immer tief im 19. Jahrhundert in unserem Kulturdenken verwurzelt sind? Die Frage ist ja, wo das Einmalige an der Kreativität passiert? Ist es im Schöpferakt des Künstlers/der Künstlerin?

Oder ist es in dem Moment, wo die Schallwellen auf unser Trommelfell treffen und dann über einen genialen Apparat in elektrische Signale in unseren Nervenbahnen umgewandelt werden? Wo passiert dieser Moment, in dem wir sagen, dass Kreativität etwas Wertvolles ist?

Wieso sollen wir ausgerechnet Kreativität nicht durch Maschinen ersetzen, wo wir schon längst die menschliche Arbeitskraft durch die Maschine ersetzen? Immer wenn wir über künstliche Intelligenz reden, kommt die Frage: was werden Maschinen in 10 und 20 Jahren können?

 

Die viel zentralere Frage ist: Was wollen wir mit Maschinen und künstlicher Intelligenz tun?

Wir müssen uns in unserer Einstellung zu den Möglichkeiten definieren. In den 40 Jahren seit der Gründung der Ars Electronica hat sich viel verändert. Wir sind dabei, Arbeit abzuschaffen. Das verändert die Grundlage des Kapitalismus. Es verändert die Grundlagen des Menschenbildes. Wir leben in Kulturen, in denen Arbeit den Stellenwert des Menschen im Sinne seines Beitrages zur Gesellschaft definiert. Und jetzt wagen wir es, die Arbeit für den Menschen abzuschaffen.

Natürlich wird es weiterhin Arbeit geben. Wir gehen beim Festival mit Renaissancemusikern, mit Barockmusikern, mit zeitgenössischen Komponisten und Musikern an einen Ort wie St. Florian, um eine tiefe Emotion zu empfinden, wenn wir darüber nachdenken, was geniale Musikschöpfer wie Bach oder Mahler komponiert haben.

Dort ist die Quelle der Ideen, die wir brauchen, um uns in dieser Welt neu zu positionieren. Wir werden das sicherlich schaffen. Die Welt hat schon viele Paradigmenwechsel in den letzten Jahrtausenden durchgemacht. Was uns bevorsteht, wird in den nächsten 10 Jahren nicht erledigt sein; In den nächsten 100 Jahren schon.

In dieser Größenordnung befindet sich die Transformation, die wir als Zeitzeugen miterleben können.“

 

Zum Nachschauen: https://tvthek.orf.at/profile/Kultur-Heute-Spezial/13889265/Kultur-Heute-Spezial-Ars-Electronica/14025015/Erster-Rundgang-durch-die-Ars-Electronica-2019/14554227

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Daniela Krautsack

Ausgebildete Media-Strategin und Media-Managerin, Trendforscherin

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