Frequenz ist kein Zufall

15.06.2026
Innenstadtbelebung

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(c) Fabian Leitner

Dieser Beitrag von Mauro Stoffella erschien am 22. Mai 2026 in der Südtiroler Wirtschaftszeitung. Der Autor hat uns seinen Text freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Stoffella knüpft an eine Entwicklung an, die wir zuletzt bereits mit Blick auf Innenstädte thematisiert haben (hier und hier nachzulesen). In diesem Beitrag verschiebt sich der Fokus bewusst auf kleinere Orte und Ortszentren, denn auch dort zeigt sich: Frequenz entsteht heute nicht mehr von selbst.

 

Wer mehr Frequenz in Städte und Ortszentren bringen will, braucht mehr als Parkplätze, Aktionen und schöne Schaufenster. Menschen kommen heute seltener beiläufig in die Stadt oder in einem Dorfzentrum, sondern gezielt und mit klarer Absicht. Genau darin liegt die große Herausforderung für Betriebe, Gemeinden und Ortsentwicklung.

Lange Zeit war Frequenz etwas, das fast von selbst entstand. Menschen waren unterwegs zur Arbeit, zu Terminen, zur Schule oder zum Bahnhof. Sie kamen an Geschäften vorbei, hielten auf einen Kaffee, erledigten rasch einen Einkauf, nahmen eine Dienstleistung in Anspruch oder trafen Bekannte. Die Innenstadt, das Ortszentrum oder die Geschäftsstraße waren Teil des Alltags.

Heute ist das deutlich anders. Der Besuch im Zentrum passiert viel seltener nebenbei. Er wird geplant, abgewogen und oft auf das reduziert, was wirklich nötig ist. Eine Studie des Brand Science Institute in Deutschland bringt diesen Wandel auf den Punkt: Aus dem selbstverständlichen Alltagsort wird zunehmend ein Ort für gezielte Besuche. Vor 2020 besuchten 72 Prozent der Befragten eine Innenstadt mindestens drei Mal pro Woche, heute sind es nur noch 41 Prozent.

Das ist mehr als ein statistischer Rückgang. Es ist ein struktureller Wandel – und einer mit weitreichenden Folgen.

Der spontane Besuch verschwindet

Früher war die Stadt, das Dorf „auf dem Weg“. Heute müssen sie bewusst gewählt werden. Genau das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Studie. Wer in ein Ortszentrum fährt, tut das nicht mehr automatisch, sondern meist mit einem konkreten Anlass: einkaufen, essen gehen, etwas erledigen, jemanden treffen. Die beiläufige Frequenz nimmt ab. Damit verschwinden auch Spontankäufe, kurze Zusatzbesuche und zufällige Begegnungen.

Für den Handel, aber auch für Gastronomie und Dienstleistungen ist das ein entscheidender Punkt. Denn viele Betriebe im Handel etwas leben nicht nur vom großen geplanten Einkauf, sondern auch von wiederkehrenden kleinen Besuchen. Wenn diese Routine wegfällt, fehlen nicht nur Kunden, sondern auch Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit.

Homeoffice verändert den Ort stärker als gedacht

Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung liegt in den veränderten Arbeits- und Lebensmustern. Der tägliche Arbeitsweg war über viele Jahre ein stiller Frequenzbringer. Wer pendelte, war automatisch im öffentlichen Raum unterwegs. Genau diese Bewegung fällt heute viel öfter weg.

Die Studie zeigt klare Unterschiede: Vollzeit-Remote-Arbeiter besuchen das Ortszentrum anlasslos nur 1,4-mal pro Monat, Hybrid-Beschäftigte 3,1-mal und Präsenz-Beschäftigte 4,7-mal. Der Grund ist einfach: Wenn der Weg zur Arbeit entfällt, entfällt auch der beiläufige Kontakt mit dem Ort. Was früher nebenbei passiert ist, muss heute bewusst entschieden werden.

Das betrifft nicht nur Städte. Auch in kleineren Orten, Gemeinden oder Ortskernen gilt: Wenn Menschen seltener automatisch unterwegs sind, sinkt die natürliche Frequenz. Wer das ignoriert, übersieht einen zentralen Hebel der Ortsentwicklung.

Komfort ist zum Wettbewerbsfaktor geworden

Viele Diskussionen über Frequenz kreisen um Parkplätze. Das Thema ist wichtig – aber es ist nur ein Teil des Ganzen. Eigentlich geht es um etwas Größeres: um Reibung. Parkplatzsuche, unklare Wege, Wartezeiten, schlechte Orientierung, fehlende Sitzgelegenheiten oder ein anstrengender Aufenthalt wirken heute stärker abschreckend als früher.

Laut Studie nennen 48 Prozent der Befragten genau solche „Nervfaktoren“ als Grund für reduzierte Besuche. Entscheidend ist dabei: Diese Hürden gab es auch früher. Aber damals wurden sie eher in Kauf genommen, weil man ohnehin unterwegs war. Heute muss sich der Besuch lohnen. Jede Barriere fällt stärker ins Gewicht.

Für Städte, Orte und Betriebe heißt das: Komfort ist keine Nebensache mehr. Er ist ein echter Standortfaktor. Wer heute Frequenz will, muss den Besuch einfach, angenehm und möglichst friktionsarm machen.

Menschen bleiben dort, wo sie sich gerne aufhalten

Ein besonders wichtiger Punkt der Studie betrifft die sogenannten „Third Places“, also Dritte Orte. Gemeint sind Plätze, Cafés, Parks, Bibliotheken, Aufenthaltsbereiche oder Treffpunkte, die weder zuhause noch Arbeitsplatz sind. Genau solche Orte verlängern Aufenthalte und erhöhen die Chance, dass Menschen konsumieren, sich begegnen oder wiederkommen.

Die Daten zeigen: In Vierteln mit höherer Dichte solcher dritter Orte ist die Aufenthaltsdauer deutlich länger; in dichteren Bereichen durchschnittlich 118 Minuten, in schwächeren Bereichen 86 Minuten. Ohne solche Aufenthaltsorte wird das Ortszentrum zum Transitraum: Man erledigt etwas und fährt wieder heim.

Gerade für die Ortsentwicklung in Südtirol ist das hochrelevant. Frequenz entsteht nicht nur durch Verkaufsfläche. Sie entsteht dort, wo Menschen gerne bleiben. Ein attraktiver Platz, ein Café mit Außenbereich, Schatten, Sitzmöglichkeiten, ein Brunnen, ein kleiner Grünraum oder ein kultureller Impuls können mehr bewirken als manche Einzelaktion im Marketing.

Weniger Besuche, höhere Kassenzettel

Auf den ersten Blick gibt es auch positive Zahlen: Menschen, die seltener kommen, geben pro Besuch oft mehr Geld aus. Zumindest in Deutschland zeigt die Studie: Episodische Nutzer geben durchschnittlich 146 Euro pro Besuch aus, kontinuierliche Nutzer 82 Euro. Gleichzeitig liegt der Monatsumsatz der regelmäßigen Besucher aber höher – nämlich bei 398 Euro gegenüber 292 Euro.

Das bedeutet: Der einzelne Einkauf wird größer, aber die Zahl der Besuche sinkt. Für Händler ist das keine gute Nachricht. Denn hohe Kassenzettel an einzelnen Tagen ersetzen keine stabile Grundfrequenz. Planungssicherheit, Personalsteuerung und laufende Auslastung werden schwieriger.

Anders gesagt: Ein voller Samstag ist noch keine gesunde Frequenzstruktur.

Menschen sind anders unterwegs

Die Studie beschreibt auch, dass sich etwa viele Funktionen der Innenstadt und eines Ortszentrums in Stadtviertel oder wohnortnahe Bereiche verlagern. Stadtteile mit guter Nahversorgung und attraktiven Aufenthaltsorten reduzieren Innenstadtbesuche um 22 Prozent, während die Gesamtfrequenz öffentlicher Aufenthalte ähnlich bleibt. Die Menschen sind also nicht weniger unterwegs – sie sind nur anders unterwegs.

Das lässt sich gut auf kleinere Orte übertragen. Wenn Nahversorgung, Gastronomie, Dienstleistungen und Aufenthaltsqualität vor Ort stimmen, bleiben Wege im Nahraum. Das ist grundsätzlich eine Chance. Problematisch wird es dort, wo Ortszentren kein klares Profil mehr haben und weder als Versorgungsort noch als Begegnungsort überzeugen.

Darum braucht Ortsentwicklung heute mehr als bauliche Maßnahmen. Sie braucht eine klare Antwort auf die Frage: Warum soll man gerade hierherkommen?

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Ortsentwicklung braucht heute eine klare Antwort auf die Frage: Warum soll man gerade hierherkommen? (c) Fabian Leitner

Was Gemeinden jetzt tun können

Die gute Nachricht ist: Frequenz ist nicht einfach Schicksal. Sie lässt sich beeinflussen. Aber nicht mit einer Einzelmaßnahme. Erfolgreich sind jene Orte, die mehrere Dinge gleichzeitig verbessern.

  • Barrieren abbauen. Der Besuch muss leicht sein – von der Erreichbarkeit über Orientierung bis zu kurzen Wegen und möglichst wenig Reibung.
  • Aufenthaltsqualität erhöhen. Sitzgelegenheiten, Begrünung, Sauberkeit, Schatten, Licht und gepflegte öffentliche Räume sind keine Extras, sondern Voraussetzungen.
  • Dritte Orte schaffen und stärken. Menschen kommen öfter dorthin, wo sie nicht nur etwas kaufen, sondern sich auch gerne aufhalten.
  • Alltagsanlässe zurückholen. Die Studie nennt dafür sehr konkrete Ansatzpunkte: Behördenservices, Paketstationen, medizinische Angebote oder hybride Arbeits- und Aufenthaltsflächen können neue Anker schaffen. Je mehr funktionale und emotionale Gründe zusammenkommen, desto stärker wird ein Ort wieder Teil des Alltags.
  • Events klug einsetzen. Veranstaltungen bleiben wichtig, aber sie dürfen nicht zum einzigen Frequenztreiber werden. Denn eine reine „Eventisierung“ erzeugt oft nur Spitzen, während die regelmäßige Grundfrequenz weiter ausdünnt. Ein Ort darf nicht nur für Besonderes stehen, sondern muss auch im Alltag attraktiv sein.

Frequenz ist eine Beziehungsfrage

Wer heute über Frequenzen spricht, spricht nicht nur über Passanten, Umsätze oder Parkplätze. Es geht um die Beziehung zwischen Menschen und Orten. Zentren verlieren Frequenz dort, wo sie nur noch funktional wahrgenommen werden. Sie gewinnen Frequenz dort, wo sie wieder selbstverständlich Teil des Lebens werden.

Genau darin liegt die eigentliche Aufgabe moderner Ortsentwicklung: Orte so zu gestalten, dass Menschen nicht nur kommen müssen, sondern kommen wollen. Nicht nur einmal im Monat, sondern regelmäßig. Nicht nur für einen Einkauf, sondern auch für Begegnung, Aufenthalt und Lebensqualität.

Frequenz ist deshalb kein Zufall. Sie ist das Ergebnis eines Ortes, der im Alltag der Menschen wieder einen festen Platz hat.

Foto Mauro Stoffella (c) Alfred Tschager

Gastbeitrag

Mauro Stoffella ist Kommunikationsexperte und Jurist, ist Leiter der Stabstelle Medien im Südtiroler Wirtschaftsverband hds.

Foto: (c) Alfred Tschager

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