Eventisierung & Pop-Up: Dosissteigerung eines Süchtigen

16.04.2026
Gesellschaft

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(c) STAMA/AI gen. G. Goiginger

Wie im ersten Teil dieses Beitrags erörtert, beschreibt der Post-Corona Urbanism eine tiefgreifende kulturelle Verschiebung: Die Innenstadt hat ihren Status als selbstverständlicher Alltagsraum verloren.

Vor 2020 war sie für viele ein kontinuierlicher Resonanzraum, geprägt von Ritualen, Wiederholung und beiläufiger Begegnung. Mit Homeoffice, Streaming und digitaler Substitution wurde sie optional. Der Stadtbesuch ist seither keine Routine mehr, sondern eine bewusste Entscheidung. Gleichzeitig hat sich unsere Reiztoleranz verschoben. Das Zuhause wurde zum kontrollierbaren Safe Space, urbane Friktion wirkt seither intensiver.

Das eigentliche Problem der Innenstädte ist daher nicht fehlende Frequenz. Sondern verlorene Selbstverständlichkeit. Doch was passiert, wenn wir diese Verschiebung ignorieren und weiter so tun, als ließe sich Selbstverständlichkeit durch Aktivität ersetzen?

Gebraucht wird Alltag, nicht Ausnahmezustand

Dann wird mit Hektik reagiert. Viele Städte setzen auf Events und Pop-up-Formate. Eine fatale Strategie, wenn man den Erkenntnissen der Studie folgt. Denn Events sind das Kuratieren von Außeralltäglichem, wo wir Alltäglichkeit bräuchten. Singuläre Formate erzeugen zwar Frequenzspitzen, verstärken jedoch die episodische Logik. Der Alltag wird weiter ausgehöhlt.

Eventisierung ist der Versuch, Resonanz durch Reiz zu ersetzen. Ökonomisch entsteht dadurch eine Spitzenlastlogik: hohe Peaks, schwache Grundfrequenz. Psychologisch verfestigt sich das Bild der Stadt als Ausnahmeort. Das setzt eine ökonomische Abwärtsspirale in Gang:

Weniger Alltag
→ weniger Bindung
→ selektivere Nutzung
→ ökonomische Schwächung
→ sinkende Attraktivität
→noch weniger Alltag.

Gleichzeitig konkurriert die Stadt mit einem hybriden, häuslich-digitalen Ökosystem, das hohe Kontrolle und geringe Friktion bietet. Dadurch steigt die Friktionssensibilität gegenüber urbanen Räumen.

Die Stadt war nie ein Produkt, sondern immer ein Versprechen

Wenn noch mehr Events nicht die Lösung sind, woran müssen wir dann arbeiten? Um einer Antwort auf die Spur zu kommen, hilft es, die Grundlogik der Studie weiterzudenken. Denn das Paper adressiert Veränderungen wie »soziale Interaktion«, »Aufenthaltsqualität«, »Identifikation«. Allesamt keine klassischen Handelsparameter. Sondern Indikatoren sozialer Resonanz.

Soziologisch betrachtet verlieren Innenstädte derzeit ihre Rolle als rein funktionale Knotenpunkte (Handel, Mobilität) und müssen sich somit neu als Bedeutungsräume legitimeren. Präsenz entsteht nicht mehr durch Notwendigkeit, sondern durch Sinn. Wenn Arbeit ortsunabhängiger wird, wenn Konsum digital verfügbar ist, wenn Mobilität flexibler wird, dann bleibt der Stadt eine zentrale Aufgabe: Sie muss Beziehung ermöglichen.

Innenstadt lebt durch Beziehung

Auch Stadtentwicklung, Stadtmarketing und Tourismus müssen unter diesen Vorzeichen ihre Werkzeuge schärfen. Über Jahrzehnte wurden Städte vermarktet, als wären sie Produkte. Events, Kampagnen, Kaufkraftbindung, Frequenz. Das war einem Zeitgeist geschuldet und damit nachvollziehbar. Aber es war nie der Kern. Die Studie bestätigt nun empirisch, was viele seit Jahren spüren: Eine Innenstadt lebt nicht durch mehr Veranstaltungen, sondern durch mehr Beziehung. Beziehung zwischen:

  • Handel und Bürgerschaft
  • Einheimischen und Einheimischen auf Zeit (vulgo: Touristen)
  • Verwaltung und Zivilgesellschaft
  • Generationen, Milieus, Lebensentwürfen

Wenn es in der Aktivierung der Stadt nicht mehr um einzelne Peaks geht, dann führt der Weg zwangsläufig in den Maschinenraum: in Moderation, Stadtgespräch, Nutzungsvielfalt, Aufenthaltsqualität, langfristige Kooperationsstrukturen. Weniger glamourös. Aber genau dort entscheidet sich, ob eine Innenstadt als sozialer Raum überlebt.

Eine Stadt ist nicht nur Markt. Sie kann kommuniziert und vermarktet werden. Aber sie ist in erster Linie ein soziales Gefüge. Events erzeugen situative Aufmerksamkeit. Beziehung erzeugt stabile Bindung. Und darin liegt keine taktische, sondern eine existenzielle Verschiebung.

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Bindung zur Stadt entsteht nicht im singulären Mega-Event, sondern im gelebten Mittwoch © STAMA/AI gen. playground.com & ggoiginger

Die Kraft des Alltäglichen

Natürlich sind Veranstaltungen wichtig im städtischen Leben. Und sie können auch zu identitätsstiftenden Ritualen im Jahreskreis werden. (Jede Stadt hat das eine Stadtfest, bei dem man verlässlich all jene sieht, die man nur einmal im Jahr am Stadtfest sieht).

Das Problem ist das Motiv dahinter. Liegt es in »Frequenz um jeden Preis« oder in »Gemeinschaft aktivieren«? Ersteres braucht die Dosissteigerung, wenn die Wirkung nachlässt. Letzteres wirkt nach. Und auch aus finanzieller Sicht kann der Turn durchaus Sinn ergeben.

Wie viele Stadtteilfeste kann man unterstützen für den Preis eines eingekauften Streetfoodmarkt?
Wie viele dauerhafte Beziehungen entstehen für den Preis eines einmaligen Spektakels?
Und vor allem: Wer nur auf Events setzt, hat ein argumentatives Problem. Selbst bei einem gut gefüllten Portfolio mit zig Veranstaltungen im Jahr blieben immer noch hunderte Tage ohne Stimuli.

Der Philosoph Frank Berzbach schreibt: »Ich glaube, es gibt nur den Alltag. Wir stehen auf, kommunizieren, es regnet, wir ärgern uns, arbeiten, holen die Kinder ab. Ein paar außerordentliche Momente gibt es natürlich in jedem Leben, Hochzeiten, Krankheiten, Todesfälle, große Erfolge, aber gar nicht viele. Deshalb ist der Alltag mein Leben, und die Art, wie ich ihn gestalte, macht den Unterschied.«

Wenn das stimmt, dann entscheidet sich auch die Zukunft der Stadt im Alltag. Was bleibt, ist der Tag für Tag erlebte Raum. Die Art, wie wir ihn gestalten, entscheidet, ob unsere Städte dafür Resonanzraum sind. Oder nur Kulisse. Horx schrieb im Frühjahr 2020 in seiner »Re-Gnose«:

»System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft.«

Er träumte vom Reset. Was wir jedoch brauchen, ist Re-Verankerung. Die Ahnung, dass Zukunft dort beginnt, wo wir wieder alltäglich miteinander Stadt sind. Nicht im Dauer-Event, nicht im Ausnahmezustand. Sondern im Gespräch, im vertrauten Ritual.

Musik auf Balkonen. Menschen auf Plätzen.

Nicht spektakulär, sondern selbstverständlich.

Nicht im Mega-Event, sondern im gelebten Mittwoch.

So entsteht Zukunft: Gemeinsam.

 

 

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Edgar Eller

Edgar Eller beschäftigt sich mit der Frage, wie Städte und Regionen als soziale Räume funktionieren und was es braucht, damit Orte im Alltag wirklich lebendig werden.
An der Schnittstelle von Stadtentwicklung, Kultur, Tourismus und gesellschaftlicher Transformation liegt sein Fokus darauf, wie sich durch die Gestaltung »guter Orte« Bedingungen schaffen lassen, unter denen Beziehung, Begegnung und Entwicklung möglich werden.
Dabei interessiert ihn weniger das große Konzept als das, was sich in der Praxis tatsächlich ändert. In diesem Kontext begleitet er Städte, Organisationen und Projekte in Phasen der Entwicklung und Neuausrichtung.

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