DenkwerkStadt: Die erzählte Stadt

22.08.2017
Trends, Veranstaltungsberichte

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Die erzählte Stadt: Bei der diesjährigen Stadtmarketing Austria DenkwerkStadt von 27.-29. September wird die Stadt als Geschichte erzählt. Es geht um die Auseinandersetzung mit dem Thema, wie man Städte im 21. Jahrhundert für eine breitere Öffentlichkeit erkennbar macht – auch wenn man sie nicht kennt.

 

Vor fast dreißig Jahren zog der italienische Architekt und Urbanist Bernardo Secchi in dem, was er die „städtebauliche Erzählung“ nannte, die Aufmerksamkeit von StädteplanerInnen auf die narrative Gestaltung und Verwendung von Mythen. Er veränderte damit den Fokus von ArchitektInnen und RaumplanerInnen, weg vom technischen hin zur Gestaltung mit Ideen und Bildern.

Im englischsprachigen Raum wurden daraufhin verstärkt Anstrengungen unternommen, den ‚urbanen Narrativ’ mit storytelling zu kombinieren und dieses Geschichtenerzählen als Modell für die Planungspraxis zu etablieren.

 

Storytelling

Die Bedeutung von Erzählungen in und für Städte ist in den letzten zwei Jahrzehnten auch in unserem Sprachraum stetig gewachsen. Die Stadt wird zu dem, was sie ist, durch Geschichten und Legenden, Gedichte und Gemälde, Romane und Filme und durch nichts weniger als auch die banalsten Gespräche geprägt.

Die Erzählung hat die Macht zu definieren, was „existiert“ und was nicht. Das Narrativ ist nicht nur eine Repräsentation des Städtischen, sondern eine Idee davon. Eine Vorstellung davon, was städtisch ist und wie Stadt funktionieren kann. Erzählungen werden sowohl aus der Geschichte eines Ortes als auch aus seinem Namen abgeleitet. Alle diese Geschichten beeinflussen die Planung von Gebäudetypen und die Mobilität der Stadt. Geschichten werden auch in Branding und Marketing für Städte verwendet.

 

DenkwerkStadt am Attersee: Die erzählte Stadt

Die Vortragenden der diesjährigen DenkwerkStadt am Attersee halten Beobachten im Umgang mit der Stadt und ihren Bewohnenden fest. Das Gesehene, Gehörte und Erlebte erhält durch das Aufschreiben und Erzählen eine andere Gültigkeit und Wertigkeit. Zum einen verliert das Alltägliche etwas von seiner Flüchtigkeit und zum anderen wird es von den Schreibenden und Erzählenden symbolisch aufgeladen.

Auf diese Weise bilden sich Metaphern für das Leben in der Stadt. Diese Metaphern umfassen in ihrer Bildlichkeit eine Reihe von Eigenschaften, Bildern, Gegenständen und Sachverhalten, die im Lesen und Erzählen wieder umgewandelt werden. Im Bezug zur Stadt sind in Metaphern, ob als Text, Foto, Film oder Theaterstück ausgedrückt, Diskurse enthalten. Die Stadt wird mit Bildern symbolisiert und immer wieder neu interpretiert.

An vielen Orten rund um den Globus werden Erzählungen dazu genutzt, um Neu mit Alt zu verbinden und ein Gefühl von Identität und Gemeinschaft zu fördern. Die Projekte und Denkweisen von Michael Kerbler, Vittorio Magnago Lampugnani, Hubert Lepka und Mark Riklin generieren ein persönliches Einlassen, Hinsehen und Hinhören. Moderiert wird die Veranstaltung von Wilfired Reiter. Die Eindrücke, Erinnerungen, die Bewegungen, die beim Durchqueren der mit Spuren gefüllten Stadt passieren, damit erzählen die StadtbewohnerInnen ihre Stadt maßgeblich mit.

 

Der Charakter einer Stadt

Michael Kerbler, Publizist, Psychologe und ORF-Chefredakteur beschreibt seinen Zugang so: „Der Ausgangspunkt ist, dass man eine Stadt am besten so beschreibt, wie man sich eine Person vorstellt. Mit allen Stärken, Schwächen, charmanten und diabolischen Seiten, mit einer Rundumbiografie. Und dann fragen wir uns, welche Rolle die BewohnerInnen spielen. Die Geschichte, die klimatischen Bedingungen, die geografische Positionierung, all das, was die Wesens- und Charakterzüge so einer Stadt ausmacht.“

Kerbler ist überzeugt, dass man Anhaltspunkte bieten muss, die eine Stadt von anderen unterscheidbar macht. „Städte stehen heute in Konkurrenz zueinander. Man buhlt in Europa um die junge Generation, die gerade fertigstudiert hat, mobil ist und sich nicht nur überlegt, wo es die besten Karrierechancen gibt, sondern auch ein relevantes Angebot zu den Themen Sicherheit, Kultur, Sport und Freizeitmöglichkeiten nutzt.

Wenn ich in einem Gespräch mit ÖsterreicherInnen und SchweizerInnen, die nach Berlin ausgewandert sind, höre, dass „in Berlin jeder tun und machen kann, was man will“ vermittelt sich dadurch ein Lebensgefühl. Manifestiert sich durch diese Aussage nur ein gefühlter Spielraum? Wie viel lässt die Stadt tatsächlich zu?“

Welche Erwartungshaltung löst beispielsweise der Besuch einer Stadt wie Venedig bei Ihnen aus? Fahren Sie nach Venedig und wunderen sich, dass Sie nicht der einzige Tourist sind? Oder wissen Sie, wohin Sie gehen müssen, um das begehrte italienische ‚dolce farniente‘ Lebensgefühl abseits touristischer Trampelpfade zu erleben?

Und wo löst eine Stadt Resonanz im Betrachter aus? Ist es der Geruch, die Farben, der Humor einer Stadt? Welche Faktoren beeinflussen das Gefühl der Vertrautheit, das mich an einem Ort zuhause fühlen lässt, egal wie viel Tausende an Kilometern ich von der Heimat entfernt bin?

 

„Wie fühlen Sie sich heute?“

Diese Frage stellte der skandinavische Künstler Erik Krikortz den TeilnehmerInnen seines Projektes Emotional Cities vor einigen Jahren in vielen Städten weltweit. Kalte Winter in Skandinavien sind berüchtigt für ihre negative Wirkung auf die Emotionen der BewohnerInnen in Schweden, Norwegen und Finland. Auf den ersten Blick ist das eine ziemlich alltägliche Frage.

Aber Krikortz fragte weiter: ‚Was passiert, wenn wir uns ein bisschen mehr Zeit nehmen, um über unsere Gefühle und die unserer Mitmenschen, die uns tagtäglich begegnen, nachzudenken? Können uns einige Minuten der Reflektion pro Tag helfen, uns dieser Gefühle bewusster zu werden? Krikortz erstellte die Webseite www.emotionalcities.com und fragte die BesucherInnen nach ihrer emotionalen Befindlichkeit.

Auf der Website konnte jede/r TeilnehmerIn auf einer siebenstufigen Skala von „sehr schlecht“ (violett) bis „sehr gut“ (rot) seine Tagesform durch das Anklicken von bunten Smileys bestimmen. Daraus wurden die Farb-Mittelwerte der einzelnen Städte berechnet und grafisch an einer markanten Stelle der Stadt (entlang eines vielgeschossigen Hochhauses) angezeigt. Man konnte also sein Befinden mit dem seiner Stadt oder seines Landes vergleichen. Hamburg war oft gut (gelb) gelaunt, während die BerlinerInnen besonders happy waren (rot); die BürgerInnen chinesischer Städte waren eher schlecht gelaunt (blau).

 

Copyright: Erik Krikortz
Copyright: Erik Krikortz

 

Was aber, wenn eine Stadt in der Außenwirkung rot und lustig, aber nach innen  plötzlich zum Couch Potato wird? Wann wird eine Stadt rundum als ‚gute Stadt‘ angesehen?

Vittorio Magnago Lampugnani, Architekt, Architekturtheoretiker, Architekturhistoriker und Professor für Städtebau an der ETH Zürich wird in seinem Vortrag erläutern, was aus einer Stadt eine gute Stadt macht.

„Was mich interessiert ist die Frage, was eine Stadt denn ausmacht, die wir besuchen. Sie hat ein Gesicht und ist wiedererkennbar. Man kann an der ausgeprägten Form der Boulevards und der Mansardendächer sofort erkennen, dass man in Paris ist und nicht in Wien. Es wäre falsch, die Einzigartigkeit einer Stadt nur auf die physische Form zu beschränken. Es geht auch um den sozialen Kontext.

Eine gute Stadt lässt zu, dass man in den verschiedenen Quartieren eine Handschrift zulässt, die sich aus einem präzisen und partizipativen Planungsprozess mit den BewohnerInnen und GestalterInnen ergibt, die ihr Handwerk hervorragend machen.

Lampugnani: „Die Bevölkerung soll zur Nutzung des Raumes, zur Mobilität, zur Beziehungspflege und anderem ‚funktionalem‘ befragt werden. Aber die Gestaltung muss man einem Städtebauer anvertrauen. Hätte man der Bevölkerung oder der Politik die Gestaltung von Städten überlassen, dann wären Paris, Rom und Barcelona in ihrer architektonischen, künstlerischen und kulturellen Einzigartigkeit nie passiert.“

Eine gute Stadt muss nicht spektakulär sein, sie muss einen unverkennbaren Charakter haben. Wie es beispielsweise das Neubauquartier Richti in Wallisellen bei Zürich anstrebt, das Lampugnani, Inhaber eines Architekturbüros in Mailand, nach dem Muster einer norditalienischen Stadt entwarf, in dem alles für den täglichen Bedarf in Fuß-Distanz zu haben ist und sich so ganz selbstverständlich nachbarschaftliche Kontakte ergeben.

 

Invisible Tales

Hubert Lepka, Choreograph, Regisseur und Gründer des Künstlernetzwerk Lawine Torrèn wird in der DenkwerkStadt über seine ‚Invisible Tales‘ sprechen. Die Grundidee dazu ist, dass man einen unlimitiert großen Raum, aber begrenzte Mittel hat. Bei unseren Theaterstücken im öffentlichen Raum geht es nicht um das Performative als Endprodukt eines Prozesses. Sondern um Fotografien und Filme, die daraus entstehen.

Es wird kein Foto gemacht, das eine Performance ankündigt. Die Performance wird dazu genutzt, um ein gutes Foto entstehen zu lassen. Die Geschichte einer Region real erleben, das ermöglicht Lepka also beim Wandertheater im Ötztal in Tirol, bei dem er mit einer kleinen Schar an ZuschauerInnen auf einer der schönsten Wanderrouten Österreichs still durchs niedere Tal wandert.

Auf diesem Weg erleben die wandernden TeilnehmerInnen die Geschichte des Herzogs Friedrich von Tirol und dessen Flucht. Das Theaterstück wird zu einem alpinen Drama, live gespielt in den Weiten der Landschaft. Dialoge und Musik sind über Funk-Ohrknöpfe inmitten des ‚Originalschauplatzes‘ zu hören. Das Wandertheater hat eine Spiel- und Gehzeit von 6 Stunden. Eine Geschichte der Region live und auf außergewöhnliche Weise erzählt.

 

Die erzählte Stadt Copyright: Ernst Lorenzi, Erik und Anna Pratter
Copyright: Ernst Lorenzi, Erik und Anna Pratter

 

Aber zurück in die Stadt, die aus einer Ansammlung von visuellen, akustischen, olfaktorischen und taktilen Zeichen und Erinnerungen besteht und sich mit der visuellen Qualität von Wörtern, Bildern und Tönen plastisch erzählen lässt.

 

Die Stadt als Ort der permanenten Veränderung

Sie bietet unzählige Gelegenheiten, ihr auf eine erzählerische oder literarische Art und Weise zu begegnen. Mit dem Erzählen kann über eine flüchtige Begegnung gesprochen werden, über Persönlichkeiten, die eine Stadt prägen, aber auch die Identität der Stadt offenbart werden.

Die Stadt bringt Erzählungen hervor und dadurch verschiedene ‚Wirklichkeiten‘ einer Stadt. So entstehen also vielfältige Sichtweisen auf die Stadt. Die Betrachtenden müssen sich dabei stets auf neue und unerwartete Eindrücke einlassen. Denn Erzählungen sind immer mit Entdeckungen verbunden. Die minimale Anforderung an das Erzählen, ist ihr Kernpunkt: ‚Etwas‘ zu erzählen.

Mit dem Programm «Stadt als Bühne» versucht der künstlerische Leiter und Herausgeber Mark Riklin einen dramaturgischen Blick auf städtische Alltagsbühnen zu werfen und dadurch Geschichten aus der Bevölkerung freizulegen. Riklin referiert in der DenkwerkStadt über ‚Geschichten einer kleinen Stadt’.

Er beschreibt den Inhalt des Programmes so: „Im ‚Radio Elevatore’ verliest ein Fahrstuhlsprecher die neusten Nachrichten aus den Etagen eines Hochhauses. Als sinnliche Maßnahme, Geschichten in Umlauf zu bringen und die Anonymität zwischen den MieterInnen aufzubrechen. Auf dem Stadtsofa und am Stammtisch löst sich der Geschichtenstau.

Ein Schatzsucher streift als positiver Detektiv durch die Gassen. Ein Stadtglöckner stillt die Sehnsucht nach Sinnlichkeit. Die „Meldestelle für Glücksmomente“ verliest über die offiziellen Lautsprecher des Bahnhofs Ausschnitte aus dem städtischen Tagebuch des kleinen Glücks.“

 

Szene aus ‚Stadt der Bühne’ – Mark Riklin Copyright: Patrik und Mark Riklin
Szene aus ‚Stadt der Bühne’ – Mark Riklin Copyright: Patrik und Mark Riklin

 

Erreichen diese Interventionen, Theaterstücke und partizipativen Prozesse eine kritische Masse, gar eine breite Bevölkerungsschicht?

Mark Riklin beantwortet dazu: „Breitere Bevölkerungsschichten können nur durch eine gute Vernetzung mit örtlichen PartnerInnen – zum Beispiel einem Quartierbüro – erreicht werden. Und durch eine stille, unaufdringliche Präsenz im öffentlichen Raum, welche Interesse weckt, ohne dass PassantInnen bedrängt werden.“Als aktuelles Beispiel nennt Riklin die ambulante Impfstation gegen Vorurteile.

 

 

Lässt sich beispielsweise in den anonymer und dichter werdenden Städten immer etwas erzählen? Wie verändert die Globalisierung das gleichzeitige Verschwinden traditioneller Betriebe und deren visueller Identitäten oder die zunehmende Technisierung das Erleben von Stadt und folglich ein Erzählen von Stadt?

Fragen wie diese werden die TeilnehmerInnen der DenkwerkStadt von 27.-29. September am Attersee diskutieren.

ZUM PROGRAM

Wilfried Reiter: „Ohne Geschichte keine Zukunft, keine Identität und keine Perspektive! Erzähl mir Deine Geschichte und Du erschaffst Dich neu! Erst die Story macht die History lebendig! Deine Stadt lebt. Erzähl von ihr und sie wird Dein.“

Diskutieren Sie mit!

 

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Daniela Krautsack

Ausgebildete Media-Strategin und Media-Managerin, Trendforscherin

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