„Unsicherheit bringt uns in Bewegung“

22.01.2026
Podcast

Natalie Knapp, Edgar Eller, Podcast Denkwerkstadt 2025
(c) STAMA AUT JW

Wie gehen wir mit Unsicherheit um. Persönlich, gesellschaftlich, beruflich? Und warum ist gerade sie eine zentrale Voraussetzung dafür, Zukunft denken und gestalten zu können?
Darüber sprach Edgar Eller im Rahmen der DenkWerkStadt 2025 im vergangenen Oktober mit der Philosophin und Autorin Natalie Knapp, die für dieses Klausurformat des Dachverband Stadtmarketing Austria auch als Referentin geladen war.

Knapp beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Zuversicht, Hoffnung und Handlungsfähigkeit in Zeiten tiefgreifender Umbrüche. Im Gespräch geht es um die produktive Kraft von Unsicherheit, um den Unterschied zwischen Optimismus und Zuversicht, um soziale Energie, Resonanz und das „Uns-Zwei“ als Ausgangspunkt von Veränderung. Sowie um die Frage, wie wir trotz komplexer Krisen handlungsfähig bleiben können.

Das vollständige Gespräch ist in unserem Podcast Urban Insights zu hören.

Im Folgenden finden Sie das Gespräch in Interviewform.

„Zuversicht ist eine aktive Haltung“

Edgar Eller: Wir haben uns in den letzten Tagen intensiv mit Zuversicht und Unsicherheit beschäftigt. Ausgangspunkt war eine Unterscheidung, die ich von dir gelernt habe: Zuversicht und Optimismus sind nicht dasselbe. Kannst du erklären, worin der Unterschied liegt?

Natalie Knapp:  Mir ist zuerst einmal ganz wichtig zu sagen, dass Begriffe nie einfach irgendetwas bedeuten, sondern sich in ihrer Bedeutung immer wieder verwandeln. Wir versuchen mit Wörtern, das Leben abzudecken. Wir benutzen Wörter, um Phänomene im Leben sichtbar werden zu lassen. Es sind wie geistige Formen, in die wir das Leben hineingießen. Und je nachdem, was das Leben gerade von uns braucht, müssen wir diese Begriffe immer wieder neu schärfen.

Die Unterscheidung zwischen Zuversicht und Optimismus ist relativ neu. Wir treffen sie, um Unterschiede sichtbar zu machen, die in unserer Zeit relevant geworden sind. Unter Optimismus verstehen wir eine Haltung, die davon ausgeht, dass die Dinge schon irgendwie gut ausgehen werden. Das heißt: Ich stelle mich auf die positive Seite des Lebens und glaube, es wird schon werden.

Zuversicht ist eine Haltung, die die Probleme, die bestehen, nicht nur ernst nimmt, sondern auch nicht aus dem Blick verliert. Sie weiß: Wir leben gerade in einer schwierigen Zeit. Oder mein Leben ist gerade instabil geworden – in meiner Beziehung läuft es nicht so gut oder beruflich nicht so gut. Und ich weiß auch, woran das liegt. Ich kann das analysieren, ich kann die Faktoren benennen, und ich weiß, woran ich arbeiten muss, damit es besser werden könnte.

Ich glaube daran, dass es mir gelingen kann, wenn ich daran arbeite, die Dinge zum Besseren zu wenden. Das heißt: Zuversicht ist eine sehr aktive Haltung. Sie beteiligt sich am Leben und weiß um den eigenen Beitrag zur Entwicklung der Dinge.

Optimismus ist dagegen eine Haltung, die erst einmal davon ausgeht, dass es sich schon irgendwie richten wird. Ich kann auch mal etwas tun, aber es ist nicht so klar enthalten, dass es mich braucht, damit sich etwas entwickelt. Und wir leben nun einmal in einer Zeit, in der es immer wichtiger wird, dass Einzelne ihren Beitrag zur Entwicklung der Dinge leisten.

Zukunft ist nicht einfach etwas, das irgendwann in fünf Jahren passiert. Zukunft ist etwas, das ich jetzt sehen muss, damit es sich in fünf Jahren entwickelt haben wird. Wenn ich jetzt nichts sehe, dann wird es in Zukunft auch nicht da sein. Deshalb haben wir diese Unterscheidung eingeführt.

„Hoffnung erzeugt die Energie, um Handeln zu können“

Edgar Eller: Du hast gerade auch den Begriff der Hoffnung angesprochen.

Natalie Knapp:  Früher hatten wir diesen großen Begriff der Hoffnung. Ich liebe diesen Begriff der Hoffnung immer noch. Aber ganz oft, wenn ich ihn benutze, kommt jemand und stellt die Frage: Kann man nicht falsche Hoffnungen haben? Ist es nicht schlecht, wenn man immer hofft und am Ende geht es doch schlecht aus?

Es gibt diesen wunderbaren Satz von Václav Havel: Hoffnung ist nicht der Glaube daran, dass die Dinge gut ausgehen, sondern das Wissen darum, dass das, was wir jetzt tun, Sinn hat – egal, wie es ausgeht. Das ist eine ganz andere Deutung von Hoffnung, die stark in Richtung Zuversicht geht.

Hier sehen wir schon, dass es eine gewisse Begriffsverwirrung gibt. Für mich ist Hoffnung aber etwas ganz Wunderbares, weil Hoffnung einer der Grundfaktoren menschlichen Daseins ist. Hoffnung erzeugt die Energie, die ich jetzt zur Verfügung habe, um handeln zu können.

Am Ende ist es egal, ob es genau so herauskommt, wie ich es mir vorgestellt habe, oder anders. Die Hoffnung hat mir jetzt die Energie gegeben, die mir die Handlungsfähigkeit zurückgibt.

Deshalb sagen auch Forscherinnen und Forscher, etwa Mediziner, die sich mit dem Lebensende beschäftigen, dass es wichtig ist, dass ein Mensch bis zum Ende seines Lebens Hoffnung hat. Nicht notwendigerweise Hoffnung auf Heilung, aber Hoffnung auf Begleitung oder Hoffnung auf Schmerzfreiheit. Dieses Element der Hoffnung darf uns nicht verloren gehen, damit wir weiterhin Energie haben, das Leben zu gestalten, solange es da ist.

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Dr. Natalie Knapp ist Philosophin, Keynote Speakerin und Autorin populärer Sachbücher (c) Gaby-Bohle

Edgar Eller: Wenn ich dir zuhöre und du sagst, dass diese Unterscheidung zwischen Zuversicht und Optimismus eher neu ist: Kann man diese drei Begriffe – Zuversicht, Hoffnung und Optimismus – auch anders einordnen? Ist Optimismus so etwas wie das frühere Gottvertrauen? Also die Idee, da ist eine Macht, die dafür sorgt? Zuversicht eher individuell; und Hoffnung die Energie, die beides speist?

Natalie Knapp: Für mich ist Hoffnung so etwas wie die Zwillingsschwester des Vertrauens. Vertrauen speist sich aus der Vergangenheit, aus dem Wissen, dass es schon oft gut gegangen ist, dass meine Eltern es irgendwie geschafft haben und mich zur Welt gebracht haben, dass es immer weitergeht.

Hoffnung speist sich aus der Fähigkeit, sich eine bessere Zukunft vorstellen zu können. Das ist die Kraft, die aus der Zukunft kommt. Beides bündelt sich in der Gegenwart. Ohne Vertrauen kann man keine Hoffnung haben, ohne Hoffnung kein Vertrauen.

Das sind sehr alte Begriffe, die ich sehr schön finde, und ich nutze sie eigentlich lieber. Gleichzeitig merke ich, dass Begriffe wie Optimismus oder Zuversicht im Moment von mehr Menschen verstanden werden, und deshalb nutze ich sie auch.

Du hast es gut formuliert: Optimismus kann man durchaus als eine Form von Gottvertrauen verstehen. Und ich finde nicht, dass das etwas Schlechtes ist. Ich bin nicht im engeren Sinne religiös, aber ich glaube an die Intelligenz des Universums. Ich glaube an eine Ordnung, die weit über meine eigenen Kräfte des Verstehens hinausreicht.

Ich glaube nicht, dass irgendwo jemand sitzt, der für mich Entscheidungen trifft. Aber auch viele Menschen, die religiös sind, glauben nicht an so ein Bild. Optimismus als grundpositive Lebenseinstellung, als Vertrauen in die Ordnung der Dinge, ist auf jeden Fall ein Teil von Hoffnung und Vertrauen.

„Mir war klar: Zuversicht wird gebraucht werden“

Edgar Eller: Du beschäftigst dich ja schon seit vielen Jahren mit diesem Thema. Mir kam es bei der Vorbereitung fast so vor, als wäre Zuversicht ein Thema, das erst jetzt auftaucht. Plötzlich habe ich überall Artikel darüber gelesen. Ist das gerade en vogue, oder war das immer schon da und ich bin nur spät eingestiegen? Wie nimmst du den Zuversichtspegel in der öffentlichen Diskussion wahr?

Natalie Knapp: Es ist im Moment schwer nötig, sich mit Zuversicht zu beschäftigen. Und es ist tatsächlich so, dass ich damit angefangen habe zu einer Zeit, als die Mehrheit der Menschen noch nicht verstanden hatte, wie notwendig das werden würde.

Weil es meine Aufgabe ist, mich mit großen Entwicklungen auseinanderzusetzen, sehe ich oft früher, dass etwas nötig werden wird. Deshalb habe ich 2013 das Buch Der unendliche Augenblick – Warum Zeiten der Unsicherheit wertvoll sind geschrieben. Ich wusste damals, dass bald der Punkt kommen würde, an dem auch andere merken, wie notwendig dieses Thema ist.

Mein Buch war auf dem Markt, und wenige Monate später kamen die ersten großen Krisen: die Flüchtlingsbewegungen, später Corona. Heute fragen mich viele: Woher hast du das damals schon gewusst? Aber wenn man sich mit den Entwicklungen beschäftigt hat, war klar, dass wir in eine Zeit kommen, in der Zuversicht gebraucht wird, weil es Menschen braucht, die ins Handeln kommen. Das ist die Kraft, um die es hier geht.

Edgar Eller: Das heißt, das, womit du dich damals beschäftigt hast, war weniger Zuversicht als Theorie, sondern eher die Erkenntnis: Wir müssen ins Handeln kommen.

Natalie Knapp: Genau. Und der Ausgangspunkt dafür war vor allem die ökologische Gesamtsituation des Planeten. Ich weiß, wie Entwicklungszyklen planetarer Art verlaufen, und die sind sehr viel langfristiger als Entwicklungszyklen in individuellen Leben.

Wenn man sich Gletscher anschaut, dann werden deren Entwicklungen in Jahrtausenden gemessen. Das Wasser, das auf der einen Seite einfriert, kommt oft erst tausend Jahre später auf der anderen Seite wieder heraus, weil der Gletscher in Bewegung ist. Das ist die Maßeinheit von Gletschern.

Wenn diese Gletscher wegschmelzen, dann sind sie nicht in 30 Jahren wieder da. Aber sie sind ein zentrales Wasserregulations- und Versorgungssystem der Erde. Das ist ein unvorstellbar intelligentes System, das sich der Planet im Laufe seiner Evolution entwickelt hat: Im Winter wird Wasser gespeichert, wenn wir es nicht brauchen, und im Sommer, wenn wir Wasser brauchen, wird es freigegeben.

Im Moment ist dieses System so stark aus dem Gleichgewicht geraten, dass sich der Planet ein neues Wasserspeicherungssystem ausdenken muss. Und das wird sehr lange dauern, deutlich länger als zehn Jahre.

Mir war deshalb klar, dass es eine Durststrecke geben wird, durch die wir alle durch müssen. Eine Phase, in der wir neue Ideen entwickeln müssen, in der wir an Zukunft glauben müssen. Dafür brauchen wir diese Kraft, die Zuversicht beinhaltet – ebenso Hoffnung, Vertrauen und die Fähigkeit, sich eine bessere Zukunft vorstellen zu können.

Natalie Knapp II, Denkwerkstadt 2025 (c) STAMA JW
Im Oktober 2025 war Natalie Knapp Referentin der „DenkWerkStadt“, dem Klausurformat des Dachverband Stadtmarketing Austria (c) STAMA Aut

„Unsicherheit führt zu einer Verlangsamung“

Edgar Eller: Wenn wir das Thema Zuversicht und Handlungsfähigkeit weiterdenken: Ein Grund, warum sich viele Menschen gerade damit beschäftigen, ist ja, dass wir in unsicheren Zeiten leben. Gewissheiten verschwinden sehr schnell. Diese Geschwindigkeit hätte sich wohl kaum jemand vorstellen können. Unsicherheit ist anstrengend, sie tut nicht gut. Viele reagieren mit Ohnmacht oder Aggression. Da stellt sich die Frage: Wäre es nicht besser, wenn Unsicherheit einfach verschwinden würde?

Natalie Knapp: Wenn man sich mit Unsicherheit beschäftigt, stellt sich ziemlich schnell heraus, dass es verschiedene Komponenten gibt. Die eine Komponente nenne ich äußere Unsicherheit. Das sind all die Dinge, die wir nicht mögen: Ereignisse, die sich ereignen, ohne dass wir sie vorhergesehen haben.

Eine Pandemie bricht aus, ein Krieg beginnt, es gibt Wetterextreme. Das sind Dinge, auf die ich mich nicht konkret vorbereiten kann. Ein Risikoforscher hat einmal gesagt: Es gibt eine Million Ereignisse mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von eins zu einer Million; und es ist sehr wahrscheinlich, dass jedes Jahr eines davon eintritt.

Diese Ereignisse gibt es einfach. Ob wir das mögen oder nicht. Es gehört zur Grundkonstitution unseres Lebens. Es passiert, dass ein Familienmitglied krank wird, ohne dass wir das vorhergesehen haben. Plötzlich muss alles umorganisiert werden, weil der Urlaub genau dann geplant war, wenn diese Person ins Krankenhaus muss. Das ist die äußere Unsicherheit. Sie ist nicht etwas, das ich wollen oder nicht wollen kann.

Die zweite Komponente ist unsere emotionale Reaktion auf diese Ereignisse. Unsicherheit fühlt sich sehr unangenehm an. Man fühlt sich unvorbereitet, ausgeliefert, instabil.

Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass Emotionen nicht kommen, um uns zu ärgern. Sie kommen, um uns eine Botschaft zu übermitteln. Emotionen sind die schnellsten Informationen, die wir über unsere Umwelt bekommen.

Unsicherheit sagt zunächst: Du hast keine Ahnung, was du jetzt tun sollst. Du weißt nicht, wie du diese Situation bewältigen sollst. Darüber informiert mich dieses Gefühl.

Emotion heißt ja nicht umsonst E-Motion, etwas, das in Bewegung setzt. Dieses Gefühl kommt so stark, weil es will, dass ich etwas tue. Der Bewegungsimpuls der Unsicherheit ist aber vage und unklar. Sie sagt mir nicht, was ich konkret tun soll, sondern sie verlangsamt mein System.

Diese Verlangsamung ist wichtig. Sie blockiert mich zunächst ein wenig, damit ich anfange nachzudenken. In der Unsicherheit ist nicht klar, welcher Weg einzuschlagen ist. Ich muss mich informieren, mit anderen sprechen, Gespräche suchen, Gemeinschaften bilden und schauen, wo es bereits Lösungsansätze gibt. Das ist zunächst ein geistiges Handeln. Unsicherheit bringt uns ins geistige Handeln.

„Angst-Reaktionen sind nicht hilfreich“

Edgar Eller: Du unterscheidest Unsicherheit dabei sehr klar von Angst.

Natalie Knapp: Ja, das ist mir wichtig. Angst macht etwas anderes mit uns. Wenn ich Angst habe, wird ein Urinstinkt aktiviert. Dieser Instinkt reduziert meine Handlungsmöglichkeiten auf drei Optionen: angreifen, weglaufen oder mich totstellen.

Das sind sinnvolle Reaktionen in lebensbedrohlichen Situationen. Aber in den Situationen, in denen wir uns heute oft befinden, sind es keine hilfreichen Optionen.

Es kann passieren, dass jemand in einer Schuldenkrise steckt und monatelang Briefe nicht öffnet, weil er in eine Angststarre verfällt. Es wäre hilfreicher gewesen, zur Schuldenberatung zu gehen und eine Strategie zu entwickeln. Unsicherheit ist das Gefühl, das uns zur Schuldenberatung bringen soll, nicht das Gefühl, das uns erstarren lässt.

Im Moment erleben wir häufig, dass Menschen nicht ins Handeln kommen, in Angst kippen und dann unangemessen reagieren. Zum Beispiel mit Aggression oder indem sie so tun, als gäbe es bestimmte Probleme gar nicht.

Edgar Eller: Wir sind über die Unsicherheit bei diesem Gespräch ja schon sehr weit gekommen. Wenn ich dir zuhöre, habe ich den Eindruck, dass diese Irritation, diese Störung, die mit Unsicherheit einhergeht, uns überhaupt erst zwingt, in unterschiedlichen Möglichkeiten zu denken. Kann man sagen, dass Unsicherheit auch einen positiven Wert hat?

Natalie Knapp: Genau das. Und das ist auch das, was Zukunft ausmacht. Wir sprechen im Moment sehr viel über Zukunftskompetenzen. Und eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen besteht darin, in der Lage zu sein, Zukunft in verschiedenen Optionen gleichzeitig zu denken.

Nicht zu glauben, Zukunft ist entweder A oder B, sondern zu wissen: Zukunft ist immer „multi“. Es geht darum, verschiedene Möglichkeiten gleichzeitig denken zu können und zu wissen, dass sich nicht eine davon eins zu eins realisieren wird. Das war noch nie so. In Wirklichkeit interagieren immer viele Möglichkeiten miteinander.

Wahlmöglichkeiten habe ich aber nur dann, wenn ich mir diese unterschiedlichen Optionen überhaupt vorstellen kann. Und dann kann ich meine Lebensenergie in eine dieser Optionen investieren.

„Es braucht Kooperationspartner“

Edgar Eller: Da schließt sich für mich der Kreis zu dieser Vorstellung, dass da „jemand auf der Wolke“ sitzt und für mich entscheidet. Wenn das so wäre, gäbe es ja keine Möglichkeiten.

Natalie Knapp: So ist es. Und das Fatale an dieser fundamentalistisch-religiösen Idee ist, dass es mich dann eigentlich gar nicht mehr braucht. Wenn alles entschieden ist, brauche ich mich nicht mehr einzubringen.

Dabei braucht auch dieses große Ganze, wie immer ich es mir vorstelle – ob ich es Gott nenne oder die Intelligenz des Universums – Kooperationspartner. Es gibt diesen bekannten Witz: Ein Mensch sitzt bei Hochwasser auf dem Dach, ein Boot kommt vorbei, und er sagt: „Nein, Gott wird mich retten.“ Das passiert mehrmals, und am Ende ertrinkt er. Im Himmel fragt er Gott, warum er ihn nicht gerettet hat, und Gott sagt: „Ich habe dir drei Boote geschickt.“

Es braucht Kooperationspartner. Und ich finde es völlig in Ordnung, sich dieses große Ganze als ein Du vorzustellen, wenn das hilft, mit der Überforderung umzugehen. Unsere Vorstellungskraft reicht ja ohnehin nicht aus, um diese Komplexität vollständig zu erfassen. Wir brauchen Bilder und Strategien, um damit leben zu können.

Edgar Eller: Das heißt aber auch: Mit dieser Freiheit bin ich gezwungen, Entscheidungen zu treffen; obwohl ich nie alle Informationen habe.

Natalie Knapp: Ja. Ich muss entscheiden, und ich werde nie genügend Informationen zur Verfügung haben, um sicherzustellen, dass die Folgen meiner Entscheidung so eintreten, wie ich es mir wünsche.

Ich arbeite viel mit Menschen an Entscheidungen. Ich spreche dabei nie von „richtigen“ Entscheidungen, weil Begriffe wie richtig und falsch nur innerhalb vollständig kalkulierbarer Systeme Sinn ergeben. Das Leben ist aber kein solches System.

Man kann kluge Entscheidungen treffen. Das sind Entscheidungen, bei denen ich mit den Informationen, die mir jetzt zur Verfügung stehen, angemessen umgehe. Aber ich kann nicht sicherstellen, dass die Folgen meiner Entscheidung genau so eintreten, wie ich es gerne hätte.

Andere Menschen treffen Entscheidungen, die wiederum auf meine Entscheidungen einwirken. Viele Faktoren, die später darüber entscheiden werden, ob ich mit meiner Entscheidung zufrieden bin oder nicht, stehen zum Zeitpunkt der Entscheidung noch gar nicht fest.

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Teilnehmende und Referent:innen der „DenkWerkStadt“ 2025 in Mellau im Bregenzerwald (c) Dachverband Stadtmarketing Austria

„Der Heldenmythos entspricht nicht der Realität“

Edgar Eller:  Du hast vorhin vom Gegenüber gesprochen, vom „Du“. Daraus ergibt sich ja auch ein sehr relationales Bild vom Menschen. Du hast heute einen Begriff verwendet, den ich mir sofort notiert habe: das „Uns-Zwei“. Kannst du das genauer erklären?

Natalie Knapp: Der Begriff des „Uns-Zwei“ stammt von Tyson Yunkaporta, einem Aborigine-Philosophen, den ich sehr schätze. In seiner Sprache gibt es nicht nur ein Wort für „wir“, sondern verschiedene. Eines davon beschreibt das „Uns-Zwei“.

Das „Uns-Zwei“ ist eine besondere Beziehung zwischen zwei Menschen. Sie ist einzigartig und nicht ersetzbar. Wenn einer der beiden stirbt, gibt es diese geistige oder emotionale Form – dieses Lebewesen, das wir beide zusammen sind – nicht mehr. Das ist schmerzhaft und nicht reparierbar.

Das heißt nicht, dass man keine neuen Beziehungen eingehen kann. Aber es wird nie dieselbe sein. Diese Einzigartigkeit einer Beziehung ist etwas ganz Besonderes, das uns Menschen möglich ist.

Für alles, was einen größeren Wirkungsradius haben soll als mein unmittelbarer Alltag, braucht es ein „Uns-Zwei“. Ob jemand eine Firma gründen will, ein Produkt entwickeln oder eine Initiative starten möchte, es braucht immer mindestens zwei.

Nicht nur, weil man organisatorisch alleine überfordert wäre, sondern weil die Qualität der Energie, die zwei Menschen gemeinsam aufbringen können, ein ganz anderes Potenzial hat, als wenn jemand alleine etwas denkt.

Es wird oft verschwiegen, wie wichtig dieses „Uns-Zwei“ ist, weil wir einen starken Heldenmythos haben. In Filmen und Erzählungen steht am Ende immer eine Person im Rampenlicht. Das entspricht nicht der Realität. In Wirklichkeit beginnt Veränderung fast immer mit einem „Uns-Zwei“, manchmal mit einem „Uns-Drei“. Von dort aus entsteht die Kraft für Bewegung.

Edgar Eller: Du hast im Zusammenhang mit dem „Uns-Zwei“ auch den Begriff der Energie verwendet. Ich benutze den selbst oft und denke dann manchmal: Hoffentlich klingt das nicht zu esoterisch. Aber man spürt ja, dass in gemeinsamer Arbeit etwas entsteht, das alleine nicht da wäre.

Natalie Knapp: Der Begriff der sozialen Energie ist inzwischen tatsächlich anerkannt. Und ich bin sehr dankbar, dass der Soziologe Hartmut Rosa dieses große Werk über Resonanz geschrieben hat. Er hat diesen Begriff auf sozialer Ebene salonfähig gemacht.

Vorher war es so, dass man schnell als esoterisch abgestempelt wurde, obwohl jeder Mensch das erlebt. Jeder kennt das: Man ist müde, trifft einen Freund oder eine Freundin, und plötzlich verwandelt sich alles. Wir erleben soziale Energie ganz real.

Aber wir leben in einem sehr materialistischen Zeitalter, in dem der Energiebegriff lange ein rein physikalischer war. Dass Hartmut Rosa das wissenschaftlich so sauber ausgearbeitet hat, erlaubt es uns heute, etwas Selbstverständliches so zu benennen, wie wir es erleben, ohne in eine bestimmte Ecke gestellt zu werden.

Edgar Eller: Was machen wir nun im Alltag mit diesem „Uns-Zwei“ und dieser Energie? Wie kann daraus konkrete Handlungsfähigkeit entstehen?

Natalie Knapp: Zunächst einmal braucht es die Wahrnehmung, dass es dieses „Uns-Zwei“ überhaupt gibt; und dass es mehr Energie erzeugt als einer allein. Dann ist wichtig zu verstehen, was dieses „Uns-Zwei“ eigentlich ausmacht.

Erst dann kann man sich fragen: Wo gäbe es andere „Uns-Zwei“, mit denen wir in Beziehung treten können? Wo könnte aus einem „Uns-Zwei“ ein „Uns-Vier“ werden?

Ich erlebe oft, dass das Leben dann Lücken öffnet. Ähnlich wie bei einer Schwangerschaft: Wenn man sie einmal wahrnimmt, sieht man plötzlich überall schwangere Menschen. So ist es auch hier. Wenn man erkannt hat, was das eigene „Uns-Zwei“ ist, begegnen einem plötzlich die Dinge, mit denen es sich verbinden kann.

Das kann man nicht am Reißbrett planen. Es gibt kein ABC dafür. Hier ist Vertrauen ins Leben gefragt, in etwas, das sich organisiert und auf Dinge aufmerksam macht, die vielleicht immer schon da waren, die wir aber vorher nicht gesehen haben.

„Wir haben viel mehr Kapazitäten, als wir glauben“

Edgar Eller: Wenn man dir zuhört, entsteht der Eindruck, dass es auch in sehr unsicheren und beängstigenden Zeiten immer Handlungsoptionen gibt, um zuversichtlich zu bleiben.

Natalie Knapp: Für mich ist das tatsächlich so. Ich suche mir diese Möglichkeiten ganz bewusst, und das lasse ich mir nicht nehmen.

Ich habe zum Beispiel eine Strategie entwickelt, wie ich Nachrichten konsumiere, ohne dass sie mich völlig erdrücken. Die Weltlage ist extrem belastend, und wenn ich das alles ungefiltert lese, zieht es mich runter.

Meine Strategie ist seit einiger Zeit, dass ich mir regelmäßig eine Sendung auf Deutschlandradio Kultur anhöre, die einen Rückblick auf den Tag bietet. Dort werden genau diese schwierigen Themen besprochen, aber auf eine intelligente, witzige, geistreich verarbeitete Weise.

Ich gehe aus diesen Gesprächen gestärkt heraus, obwohl es um die gleichen schrecklichen Fakten geht. Es entsteht ein „Uns-Zwei“ zwischen Moderator:in und Gast, das mich als Zuhörerin stärkt.

Das war für mich eine wichtige Erkenntnis: Fakten können sich transformieren, wenn sie geistreich verarbeitet werden. Wir haben viel mehr Kapazitäten, als wir oft glauben. Es gibt funktionierende Strukturen und Menschen, die uns dabei unterstützen.

Ich muss mir also nicht irgendeinen Unsinn im Internet zusammensuchen oder mich in Verschwörungstheorien verlieren. Es gibt Möglichkeiten, trotz der Nachrichtenlage zuversichtlich zu bleiben.

Edgar Eller: Das knüpft wieder an das Thema Verlangsamung an. Mir ist aufgefallen, dass viele Nachrichten schon nach kurzer Zeit gar nicht mehr relevant sind. Das Internet beschleunigt diese Überforderung noch.

Natalie Knapp: Ich glaube tatsächlich, dass wir langsamer werden müssen, um Zukunft möglich zu machen, und nicht schneller. Das ist ein Paradox.

Ich habe vor vielen Jahren einmal einen Vortrag an einer Universität gehalten und gesagt, dass wir langsamer werden müssen. Daraufhin meldete sich jemand und sagte: „Aber die Klimakrise; wir müssen schneller handeln.“

Noch bevor ich antworten konnte, meldete sich eine Studentin und sagte: „Wir wissen doch noch gar nicht, was Zeit eigentlich ist. Vielleicht begreifen wir erst, wenn wir langsamer werden, dass Zeit etwas ganz anderes ist, als wir glauben.“

Das hat mich sehr beeindruckt. Deshalb habe ich mich in meinem Buch Der unendliche Augenblick intensiv mit der Wahrnehmung von Zeit beschäftigt. Zeit ist etwas ganz anderes, als wir oft annehmen. Erst wenn wir langsamer werden, entdecken wir Dimensionen von Zeit, die Dinge ermöglichen, die wir im Moment noch nicht sehen können.

Wir glauben oft, es sei festgelegt, wie viel in eine Stunde passt oder was in einer Minute erledigt werden kann. Aber das ist überhaupt nicht festgelegt.

PA DWS Referenten (c) Stama Austria
Neben Natalie Knapp war auch Ulrich Schnabel, ZEIT-Redakteur und Physiker, als Referent zu Gast bei der DenkWerkStadt 2025, hier unser Gespräch mit ihm (c) Stama Aut

„Rituale der Verlangsamung sparen Zeit“

Edgar Eller: Zum Abschluss: Du hast gesagt, ohne Unsicherheit gäbe es letztlich auch keine Hoffnung, weil dann alles vorbestimmt wäre. Gibt es für dich so etwas wie einen Weg, um mit Unsicherheit gut umzugehen?

Natalie Knapp: Für mich persönlich sind Rituale von höchster Bedeutung. Damit meine ich keine religiösen Rituale, sondern Dinge, die ich jeden Tag tue und die,  wie Zähneputzen, keine neue Entscheidung erfordern.

Dazu gehört, dass ich morgens aufstehe und mir zunächst Zeit nehme. Ich setze mich hin, meditieren; man kann aber genauso gut spazieren gehen oder Pflanzen gießen. Dann trinke ich Tee und spreche mit meinem Mann über Dinge, die uns gerade wirklich wichtig sind.

Das kostet Zeit, und es spart enorm viel Zeit. Weil sich in diesen Gesprächen Ideen ergeben, die wir im Laufe des Tages brauchen. Dinge fügen sich plötzlich.

Auch mein bewusster Umgang mit Nachrichten ist so ein Ritual. Eine halbe Stunde am Tag reicht; und dafür brauche ich den restlichen Tag keine Nachrichten mehr zu konsumieren. Ich erlebe, dass Rituale der Verlangsamung am Ende Zeit sparen und nicht Zeit kosten.

Edgar Eller: Vielen Dank für diese Erkenntnisse und für deine Zeit. Danke für das Gespräch.

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Edgar Eller

Selbständiger Unternehmensberater und Hochschullehrer.

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