Wozu braucht die Stadt ihr Zentrum? Stadtmarketing Austria formuliert neues Selbstverständnis

17.09.2026

StadtmarketingAustria_Vorstand (c) Andreas Kolarik
Stadtmarketing Austria Vorstand (c) Andreas Kolarik

Dachverband Stadtmarketing Austria beschreibt eigene Profession als Mitgestalter des sozialen Raums Stadt.

 

In vielen Innenstädten verändert sich das Bild. Wo über Jahrzehnte der Einzelhandel das Zentrum prägte, entstehen neue Nutzungen, aber auch Lücken. Damit stellt sich für viele Städte eine grundsätzliche Frage: Wozu braucht eine Stadt ihre Mitte, wenn der Handel dort nicht mehr allein die Antwort ist?

Bei seiner Vollversammlung am 14. September in Salzburg hat Stadtmarketing Austria, der Dachverband der österreichischen Stadtmarketingorganisationen, ein gemeinsames Selbstverständnis der Profession vorgestellt und damit eine Antwort formuliert: Eine Stadt ist mehr als nur Ort des Handels. Sie ist ein sozialer Raum, in dem Menschen einander begegnen. Und dieser Raum muss gepflegt werden.

Die Stadt bietet Raum für unterschiedliche Nutzungen

Dabei ist die starke Konzentration der Innenstädte auf den Einzelhandel stadtgeschichtlich keineswegs selbstverständlich. Städte waren immer auch Orte des Wohnens und Arbeitens, des Austauschs und der Begegnung, von Kultur, Politik und gesellschaftlichem Leben. Der Wandel des Handels muss deshalb nicht zwangsläufig einen Bedeutungsverlust der Innenstadt bedeuten. Er stellt vielmehr die Frage neu, welche Funktionen das Zentrum einer Stadt künftig zusätzlich übernehmen soll. Eine der vielen Entwicklungen, die europäische Städte in den letzten Jahrhunderten erlebten. Denn die durchgehende Einkaufsstraße ist eine junge Erscheinung. Rathäuser, Kirchen und Marktplätze standen längst, als der Handel begann, die Zentren zu prägen.

Stadtmarketing entstand in Österreich wesentlich aus der Aufgabe, Innenstädte zu beleben und Frequenz zu schaffen. Diese Aufgaben sind nicht verschwunden. Aus dieser Arbeit ist über Jahrzehnte aber auch ein umfassenderes Wissen darüber entstanden, was Innenstädte lebendig macht. Denn wer Innenstadt beleben will, arbeitet mit allen Akteuren zusammen: Mit Wirtschaft und Kultur, Verwaltung und Politik, Vereinen, Initiativen und Bevölkerung. Aus der Arbeit an Frequenz wurde so zunehmend eine Arbeit an den Beziehungen und Zusammenhängen innerhalb der Stadt.

»Unsere Innenstädte verändern sich. Handel und Veranstaltungen bleiben wichtig, aber sie allein werden nicht darüber entscheiden, ob unsere Zentren auch künftig lebendige Orte sind. Stadtmarketing arbeitet deshalb heute stärker an den Verbindungen zwischen Wirtschaft, Verwaltung, Kultur, Vereinen und Bevölkerung. Mit dem neuen Selbstverständnis machen wir sichtbar, was in vielen Städten längst gelebte Praxis ist«, erklärt Michael Gsaller, Präsident von Stadtmarketing Austria.

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Vorstandsmitglied Edgar Eller und Vizepräsidentin Daniela Limberger bei der Präsentation des neuen Selbstverständnis von Stadtmarketing (c) Andreas Kolarik

Stadt als sozialer Raum

Das neue Selbstverständnis beschreibt Städte deshalb nicht allein als Wirtschafts-, Verwaltungs- oder Lebensstandorte, sondern als soziale Räume: als Orte, an denen unterschiedliche Menschen einander begegnen, gemeinsame Bezugspunkte entwickeln und gesellschaftlicher Alltag entsteht. Angesichts gesellschaftlicher Veränderungen wie wachsender Vereinzelung und zunehmender Polarisierung gewinnen die Beziehungen innerhalb einer Stadt zusätzlich an Bedeutung. »Gelingende Beziehungen wurden zur knappsten Ressource urbaner Zukunftsfähigkeit«, heißt es dazu im neuen Selbstverständnis.

Damit verschiebt sich auch der Blick auf die Wirkung von Stadtmarketing. Ein gut besuchtes Fest allein macht noch keine lebendige Stadt. Frequenz ist wichtig. Entscheidend ist aber auch, ob Menschen eine Beziehung zu ihrer Stadt entwickeln, sich ihr zugehörig fühlen und sie als gemeinsamen Raum erleben.

»Eine Stadt wird nicht allein dadurch lebendig, dass viele Menschen durch ihre Straßen gehen. Entscheidend ist, ob Menschen sich mit ihr verbunden fühlen, einander begegnen und erleben, dass sie selbst Teil dieser Stadt sind. Stadtmarketing kann dazu beitragen, genau diese Beziehungen und Räume zu stärken«, sagt Daniela Limberger, Vizepräsidentin von Stadtmarketing Austria.

Die Werkzeuge des Stadtmarketings verändern sich dabei nicht zwangsläufig, wohl aber deren Einordnung. Veranstaltungen, Kommunikation, Serviceangebote oder Maßnahmen im öffentlichen Raum bleiben wichtig. Sie stehen jedoch nicht für sich, sondern können dazu beitragen, Begegnung, Vertrautheit und gemeinsame Erfahrungen zu ermöglichen.

Das neue Selbstverständnis versteht Stadtmarketing dabei als intermediären Akteur: Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft tragen jeweils aus ihrer Perspektive zur Entwicklung einer Stadt bei. Stadtmarketing arbeitet an den Schnittstellen dieser Bereiche, bringt Akteure zusammen und hilft, unterschiedliche Interessen und Vorhaben miteinander zu verbinden.

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Teilnehmende Mitglieder bei der Sadtmarketing-Austria Vollversammlung am 14. September in Salzburg (c) Andreas Kolarik

Vom Netzwerk bis zum öffentlichen Raum

Wie breit diese Rolle inzwischen angelegt ist, zeigen die Kompetenzfelder, die Stadtmarketing Austria aus dem neuen Selbstverständnis ableitet. Dazu gehören etwa Netzwerkmanagement und Zusammenarbeit, um tragfähige Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Akteuren einer Stadt aufzubauen, strategisches Projektmanagement, das einzelne Vorhaben in eine gemeinsame Entwicklung einordnet, sowie atmosphärische Stadtraumgestaltung. Die Frage also, wie aus baulichen Räumen Orte entstehen, die Begegnung und gemeinsames Stadtleben ermöglichen.

Mit rund 80 Mitgliedsstädten unterschiedlicher Größe in Österreich und Südtirol bündelt Stadtmarketing Austria die Erfahrungen von Stadtmarketingorganisationen mit unterschiedlichen Strukturen und Rahmenbedingungen. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Dachverband mit der Frage, wie die unterschiedlichen Lebensbereiche einer Stadt zusammengedacht und Stadtmarketingorganisationen in dieser Arbeit gestärkt werden können. Das nun vorgestellte Selbstverständnis verdichtet diese Erfahrungen zu einer gemeinsamen Beschreibung der Profession.

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